Wasser, Wald und Erdbeerbowle

Ich wache auf mit leichtem Kopfweh. Der gestrige Abend ging doch länger als geplant. Doch was soll’s, die Sonne blinzelt durch die Gardinen und lockt mich aus dem kuscheligen Bett.

Ich habe heute einen freien Tag und das Wetter könnte nicht besser sein. Nach einem leckeren Frühstück und frisch duftendem Kaffee auf dem Balkon starte ich meinen kleinen Ausflug. Ich habe Lust, ein wenig zu wandern, am Wasser zu sein und einfach ein bisschen die Natur zu genießen.

Der Kopf schmerzt noch immer leicht. Ich trinke noch ein Glas Kokoswasser, ehe ich losfahre, vielleicht hilft es ja. Die Berliner Ringbahn bringt mich nach Westkreuz. Dort steige ich in die S7 um und fahre bis Nikolassee. Mal wieder informiert die S-Bahn über unregelmäßige Fahrten aufgrund einer Weichenstörung. Inzwischen bin ich als Berlinerin daran gewöhnt, dass jeden Tag ein neues Problem auftritt und die Bahn gefühlt so unzuverlässig wie in Indien geworden ist. Sehnsüchtig erinnere ich mich an meine Japanreisen zurück und an die pünktlichsten Bahnen der Welt: Auf die Minute – immer – sauber mit freundlichem Personal. Schon allein dafür lohnt eine Reise in dieses Land, aber darum geht es heute nicht. Eine kleine Gruppe Betriebsausflügler holen meine Gedanken zurück in die Gegenwart. Laut und als hielte sie eine Rede auf der Betriebsversammlung telefoniert eine Dame der Gruppe in der Bahn mit anderen Firmenkollegen, um sie zum Paddel-Sammelpunkt nach Griebnitzsee zu locken.

Immerhin erfahre ich so, dass man von dort (ebenso wie im Spreewald, was wir im Arbeitsteam auch schon mit viel Spaß gemacht haben) auch ein paar Touren mit Paddel, Kajak oder Kanu unternehmen kann (www.potsdam-per-pedales.de). Vielleicht rege ich das für den nächsten Teamausflug mal an und so ist das Geplärr meiner Sitznachbarin am Ende doch nicht nur nervig. Mir fällt auf, dass ich heute etwas geräuschempfindlicher bin als sonst, ich fürchte, das liegt am Weißwein vom gestrigen Abend.

In Nikolassee empfängt mich mildes, sonniges Wetter. Ein paar Menschen auf dem Weg zum Strandbad Wannsee steigen hier ebenfalls aus. Vor dem Bahnhof führt ein Weg über die Autobahnbrücke in ein kleines Waldgebiet. Noch eine Straße, die ich überquere, dann wird es ruhiger. Am Ende des Weges empfängt mich das traditionelle Strandbad mit seinem Backstein-Eingang. Es könnte auch ein Zoo sein, wenn man die Drehtüren am Ein- und Ausgang betrachtet. Grinsend fällt mir ein, dass halbnackte Menschen in der Sonne auch bezüglich anderer Aspekte an einen Tierpark erinnern.

Rechts vor dem Strandbad führt ein Weg in den Wald, vorbei am Parkplatz und dem Zugang zu den Wannseeterrassen. Dann bin ich endlich allein. Es wird still um mich herum, die Vögel zwitschern und die Sonne zwinkert mir zwischen den Bäumen zu. Nach wenigen hundert Metern stehe ich vor einem toten Baum, der aussieht, als sei ein Blitz in ihn eingeschlagen. Zerbrochen und innen ganz schwarz liegt er in mehreren Teilen verbrannt am Boden. Kurz dahinter erwartet mich ein wunderschöner Ausblick: Hinter den Bäumen glitzert der See, kleine weiße Segelboote dümpeln im Wasser, das Kreischen badender Kinder schallt zu mir herüber. Eine kleine Bank unter einem Baum lädt zum Verweilen ein und ich setze mich kurz und genieße das Leben. Die umliegenden Zigarettenkippen zeugen von vielen Besuchern an diesem schönen Ort.

Dann folge ich dem Weg weiter durch den Wald und stehe schon bald vor der kleinen Insel Schwanenwerder. Der Yachtclub am Übergang deutet klar auf die hier wohnenden Berliner hin. Ich wage einen kleinen Blick auf die Insel. Neben wunderschönen Villen und Wassergrundstücken, blühenden Rosenbüschen und stillen Straßen ragen protzige, mehrfach gesicherte Bonzenhäuser, gestaltet in modern, unattraktiver Architektur in den blauen Himmel. Ich verliere die Lust hier weiter zu laufen und kehre auf meinen Waldweg zurück. Um den direkten Wasserzugang beneide ich die Hausbesitzer ein wenig, nicht aber um die Angst vor Diebstahl und Einbruch, die sich möglicherweise mit dem erworbenen Reichtum mischt.

Jetzt führt mich der steinige Weg vorbei an Segelclubs und entlang dem Havelufer, es duftet nach blühendem Holunder, nur wenige Menschen sind hier unterwegs. Wie auf dem Lande grüßt man Entgegenkommende nickend. Mir gefällt das, es hat etwas Idyllisches, passend zur Gegend.

Immer wieder entdecke ich kleine Buchten mit Zugang zum Wasser, manchmal schlendere ich an Badestellen vorbei, an denen ein paar Menschen im weißen Sand liegen oder im kühlen Wasser herum plantschen. Der Weg ist eben und wechselt zwischen Wald und lichten Stellen. Es ist herrlich heute, nicht zu kalt oder zu warm und genau nach meinem Geschmack, nämlich ohne anstrengende Aufstiege oder Menschenmassen.

Ein kurzes Stück führt der Weg auf der Havelchaussee entlang. Weg ist asphaltiert und führt durch den Wald. Autos und Radfahrer stören meine innere Ruhe kaum, ich konzentriere mich auf die Natur ringsum und suche nach Wegen zurück ans Wasser. Wieder geht es einen kleinen Sandweg direkt am Ufer entlang, die zahlreichen Badestellen hier sind belebter und eine Gruppe junger Kerle stolziert im Sand herum, sie tragen Zigaretten im Mundwinkel und dicke goldene Ketten um den Hals wie Statussymbole. Seltsame Rap-Texte dröhnen aus den Lautsprechern ihrer Mobiltelefone. Ich bin froh, dass meine Wanderung mich weiterführt.

Bald finde ich eine kleine Badestelle, an der ich vollkommen allein bin. Ich entledige mich meiner Schuhe und setze mich auf eine große Wurzel am Ufer. Meine Füße halte ich in das erfrischende Wasser der Havel und schaue ein paar Booten zu, die in der Nähe ankern. Ein Mann liegt entspannt auf seinem Standup-Paddel-Board und genießt die Stille des Tages ebenso wie ich. Kleine Kaulquappen schwimmen im Wasser herum und ich lasse mich von der glitzernden Sonne im Wasser verzaubern.

Kurz vor meinem Ziel überlege ich, einen Blick Richtung Insel Lindwerder zu werfen. Ein LKW am Fähranleger versperrt die Sicht auf eine kleine Insel mit großer grüner Wiese und Restaurant. Für 2 Euro kann man hinüber fahren und ich überlege, ob es eine gute Location für ein großes Fest sein könnte. Da ich aber keine großen Feste mag, lege ich die Information in eine kleine Ecke meines Hinterkopfes, dorthin, wo sie nicht stört. Ich fahre heute nicht hinüber. Vielleicht komme ich eines Tages zum Essen mit einer Freundin wieder. Bis dahin darfst du ja gern mal schauen: www.lindwerder.de

So langsam bin ich wirklich hungrig. Ich bin fast elf Kilometer gelaufen und freue mich auf meine Belohnung am Ziel: Das Restaurant am Grunewaldturm (www.restaurant-grunewaldturm.de). Das letzte Stück des Weges geht es bergauf, es ist nachmittags sechszehn Uhr und langsam wirklich heiß. Ich bin ja gar kein Fan von bergan laufen, aber dieses kurze Stück schaffe selbst ich. Und da endlich sehe ich den roten Turm, der das Ende meiner Wanderung markiert.

Nur wenige Gäste sitzen heute auf der Terrasse des Restaurants. Ich lasse es mir richtig gutgehen und genieße bei einer leckeren Erdbeerbowle den Blick auf die Havel unten im Tal. Dann esse ich einen frischen Salat mit Hähnchen und Himbeerdressing und feiere meine Wanderung mit einem Erdbeer-Eisbecher. Die Handy-App, die meine Schritte zählt, behauptet immerhin, ich hätte sechshundert Kalorien verbraucht. Das geht dann also auf jeden Fall klar mit dem Eisbecher.

Einmal die Stunde fährt hier ab Grunewaldturm der 218er Bus nach Wannsee oder zur Ringbahnstation Messe Nord/ ICC. Manchmal ist es ein historischer Bus. So auch heute. Er ist so alt, dass er locker fünfundzwanzig Minuten verspätet eintrifft, aber immerhin kann ich eine gemütliche Tour durch den Grunewald bei Tempo dreißig genießen. Dann geht es noch flink die Heerstraße entlang und bald bin ich am Bahnhof, um mit der Ringbahn zurück nach Hause zu fahren. Die Bahn ruckelt im abendlichen Sonnenschein und fast nicke ich ein. Ich bin entspannt und müde. Jetzt noch ein Kokoswasser auf dem Balkon. Morgen geht es weiter mit der Arbeit, doch heute hatte ich einen echten Urlaubstag, mit Wals, Wasser und Erdbeerbowle, weit weg in der Natur und doch noch in Berlin.

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