Was für ein Mensch würde aus mir werden?

Gestern hat der Terror nun auch meine Stadt Berlin erreicht. Ich fühle Trauer, Mitleid und eine ganze Menge Hilflosigkeit. Dennoch überrascht mich das Geschehene nicht (mehr). In Syrien liegt eine ganze Stadt in Trümmern, in Paris wurden im letzten Jahr Menschen während eines Konzerts getötet, in der Türkei häufen sich die Anschläge und überall in der Welt tun sich Menschen gegenseitig die schlimmsten Dinge an. Wie eine Naturkatastrophe überrollen uns der Hass und die Angst.

Ich lese in den sozialen Netzwerken neben Trauer aber auch von Hass und von der Suche nach Schuldigen und ich ahne, dass es nicht enden wird und so auch nicht kann. Es ist sicher eine menschliche Reaktion auf Unrecht und Gewalt mit Wut und Rachegefühlen zu reagieren. Darum frage ich mich oft, warum die „Natur“ uns mit ebendiesen Eigenschaften ausgestattet hat. Ich bin kein Evolutionswissenschaftler und weiß nicht, worin der Sinn liegen mag, aber die Geschichte zeigt, dass am Ende niemand gewinnt, wenn wir uns fortreißen lassen von diesen Impulsen, die in uns aufsteigen und ausbrechen können wie ein Vulkan, die uns überwältigen und aus uns wilde, blinde Bestien machen.

Was für ein Mensch würde ich wohl werden, wenn ich mich von Rache und Hass leiten ließe? Nun, vielleicht würde ein Terrorist aus mir, der Unschuldige in jenem Land tötet, das ich für mitschuldig am Tod meiner Lieben und der Zerstörung meines Landes hielte. Vielleicht würde ich blind für jegliches Mitgefühl und taub für jedes Wort der Vernunft. Vielleicht würde die Hilflosigkeit mich zu Fanatikern und falschen Religionen treiben, fühlte ich mich doch dort ein wenig verstanden, aufgenommen und geborgen. Vielleicht wäre mein Leben mir nichts mehr wert, sähe ich nur Zerstörung und Ungerechtigkeit in der Welt. Die Rache würde mein Denken bestimmen und jene Verführer, die den Hass in mich säten, erschienen mir wie Freunde und Retter.

Vielleicht würden diese brennenden Gefühle alles in mir verzehren und ich könnte kein Glück mehr erkennen in der Welt, all die Farben erschienen mir nur schwarz oder weiß und ich würde einzig dem Weg zu vermeintlicher „Gerechtigkeit“ folgen. Die Straße, der ich folgte, wäre nur einfach und gerade und es gäbe keine Blumen mehr am Wegesrand. Für mich schiene die Sonne nicht mehr, denn in mir wären nur Dunkelheit und Schmerz. Alle sollten fühlen, was ich empfinde und jedem, der noch lächelte wollte ich die Freude aus dem Herzen reißen, damit er meine Wut teile und meine Last mittrage.

Das könnte der Mensch sein, der aus mir würde.

Auch wenn ich keine Zauberformel weiß, das Unglück und die Ungerechtigkeit in der Welt zu beenden, wenn ich selbst oft voll Hilflosigkeit zusehen muss, was Menschen sich antun, soll diese Saat von Wut und Hass in mir zumindest nicht aufgehen. Ich werde weiter nach Wegen suchen, die Welt ein Stück heller, besser und glücklicher zu machen, aber vor allem werde ich weiter an mir selbst arbeiten, damit Rache niemals mein Leben bestimmt.

Wie Ghandi schon sagte: Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für die Welt.