Unsere schwierige Liebe zum Essen

Ich denke oft über das Thema Ernährung nach und doch habe ich mich lange gescheut, darüber auch nur ein Wort zu schreiben. So aufgeladen ist das Thema, so heiß und emotional und so voll unterschiedlicher Wahrheiten, dass ich mich am Ende stets verwirrt im Kreis drehe und mir dann zur Beruhigung einen ungesunden Schokoriegel in den Mund schiebe. Was soll oder darf ich denn noch essen, um gesund, schön und moralisch einwandfrei zu sein? Und wo bleibt da der Spaß überhaupt?

Unsere Beziehung zum Essen beginnt bereits in den ersten Momenten nachdem wir die Welt betreten haben. Wenn wir Glück haben, entwickelt sich eine wunderbare Liebesbeziehung zur Nahrung und der Person, die sie uns gibt. Nun ist es aber wie in jeder Liebe, es besteht die Gefahr von Verletzung, Kränkung, Unsicherheit. Nahrung ist Liebe und Macht zugleich und so verwundert es nicht, dass der Grundstein zu späteren Essstörungen schon im Säuglingsalter gelegt werden kann.

Bulimie, Anorexie oder auch Binge-Eating und Adipositas sind durch eine ungünstige und schwer lösbare Verkettung vielfältiger biologischer, psychischer und sozialer Ursachen bedingt. Die Behandlung dauert Jahre und ist oft ohne stationäre Behandlung kaum möglich. Gelerntes Verhalten, die Menge und Vielfalt des Angebotes, Schönheitsideale und Medien, aber auch Selbstwertgefühl und Konflikte spielen unter anderem bei der Entstehung eine Rolle. Nahrung ist ein Mittel, das mit Unmengen an Bedeutungen belegt werden kann, es liefert so viel mehr als nur Energie. Essen kann Trost spenden oder Liebesersatz sein, Essen kann dir Kontrolle geben oder nehmen, es kann dir Religion oder Statussymbol sein. Eigentlich erstaunlich, was Gemüse, Käse, Fleisch und Brot alles können, oder?

Wenn wir dann spätestens im Jugendalter mit Schönheitsidealen vollgestopft werden oder einfach unsere vormals kindlichen Körper in gottgleiche perfekte Erwachsenenhüllen stecken wollen, geht das Drama erst richtig los. Kein Zucker, keine Kohlenhydrate oder kein Fett, ach und vergiss auch nicht die moralische Komponente, iss kein Fleisch, keinen Fisch und lass den Bienen ihren Honig. Durch all das industrialisierte Low-quality-Futter hast du dann auch ein paar Nahrungsmittelunverträglichkeiten entwickelt und es gibt nur noch glutenfrei, laktose- oder im schlimmsten Fall spaßfrei.

Jeder hat mit einem Mal eine anders geartete Liebesbeziehung mit seinem Essen und jeder kämpft mit Löwenkräften darum, dass seine Liebe die einzig wahre sei, denn würden wir die Nahrungsliebe des Nachbarn akzeptieren, wie falsch oder unecht würde damit unsere eigene erscheinen!?

Und so geht es mir nicht anders. Ständig werde ich wie in einem tosenden Meer zwischen inniger Liebe zu leckerem Essen und meiner Idealvorstellung eines gesunden, schönen Leibes hin- und hergerissen. Scheinbar geht nicht beides. Denn während die einen auf zuckerfrei, die anderen auf fettfrei schwören, wieder andere sich von genetischer Typenlehre leiten lassen oder nur Obst und Gemüse zu sich nehmen, erscheinen in den Zeitschriften die leckersten Kuchenrezepte direkt neben den Werbeanzeigen für Schlankheitsmittel.

Nicht, dass mir Gemüse und frische Lebensmittel, am liebsten aus Demeteranbau, nicht gut schmeckten, aber auch Kuchen, Schokopudding, guter Wein und leckere Sahnesaucen haben für mich ihren Reiz und versüßen das Leben und die gemeinsame Zeit mit lieben Menschen. Essen ist eben wirklich viel mehr als nur Nahrungsaufnahme: Genuss, Geselligkeit und Lebenseinstellung, Freude und Sünde und manchmal auch Kampf, Verzicht oder religiös anmutende Mission.

Für mich jedoch ist Essen vor allem eines: Kleines Glück. Ein ganzes Jahr kann ich mich auf den Rehrücken zu Weihnachten bei den Eltern freuen, der liebliche Duft einer frisch gekochten Mahlzeit erfüllt mich mit Begeisterung und meine Augen leuchten, wenn ich mir einer riesige Portion Spaghetti gönne.

Neben all den emotionalen Diskussionen und Verwirrungen, was denn nun gesund und richtig sei, wie wäre es, wenn wir mit dem Thema mit mehr kindlicher Neugier, Spielfreude und Dankbarkeit umgingen?

Es kann überaus spannend und genussvoll sein, Low-carb, Low-fat, Paleo, Vegan, Clean-eating oder Ayurveda-Küche zu probieren und Neues zu entdecken. Wenn du dich freimachst, von Verboten und moralisch erhobenen Zeigefingern, kannst du viel leichter einen Weg der Balance zwischen Wohlbefinden, Freude und Gesundheit finden. Und vielleicht entdeckst du dann zwischen Blaubeeren und Nusskuchen auch die Dankbarkeit wieder, dass du umgeben bist von unfassbarer Vielfalt und Fülle.

Ich wünsche dir eine genussvolle Liebe, sinnliche Dankbarkeit und köstliches Glück.