The Johnny Cash Show

The Johnny Cash Show, Urania Berlin, 21. September 2018

 

Ich mag die Musik von Johnny Cash, spiele sogar mit meiner Band einige seiner Songs nach und kenne (wie so viele) den wunderbaren Film „Walk the Line“. Dann lese ich eines Tages von der Show in der Urania und kaufe mir sofort ein Ticket.

Ich möchte nicht so gern von fremden Menschen eingekreist sein, darum buche ich einen Platz am Rand: Reihe 1, Platz 1. Pünktlich erreicht mich die schöne Eintrittskarte und jedes Mal, wenn ich in der Küche einen Blick auf meine Pinnwand werfe, freue ich mich auf den Tag.

Der 21. September ist der Tag, an dem in Berlin der unfassbar lange Sommer des Jahres 2018 endet. Vormittags scheint die Sonne bei 27°C, am Nachmittag weht ein wilder Wind dunkle Wolken und Regen heran und wirbelt rote Herbstblätter zur Balkontür herein.

Mit der U-Bahn fahre ich zur Urania, es ist kühl geworden. Im Gebäude zunächst gähnende Leere. Niemand an der Rezeption oder Garderobe, keine Hinweisschilder. Mal schauen, was im ersten Stock so los ist. Oben sitzen dann doch schon ein paar Menschen und – ein Glück – die Bar hat geöffnet.

Ich bin überrascht, dass die Getränkepreise viel moderater als in Theatern und Opernhäusern der Stadt sind und bestelle zum Wein noch eine Kleinigkeit zu essen. Als ich später zu meinem Sitzplatz gelange: die erste kleine Enttäuschung. Die Bühne ist nicht so breit wie die Sitzreihen und die ersten 2 bis 3 Plätze am Rand haben ziemlich schlechte Sicht auf die Bühne. Vor mir befindet sich eine Treppe auf die Bühne und ich sehe vor allem auf einen roten Samtvorhand und ein paar Monitorboxen der Backgroundsängerinnen. Seltsam, dass dies dennoch die höchste Preiskategorie ist, obwohl ich knapp ein Viertel der Bühne nicht sehen kann.

Neben mir sitzt ein echter Cash-Fan, der freundlich mit mir plaudert, aber leider auch sehr viel Platz beansprucht, als er sich gemütlich mit ausgebreiteten Armen und Beinen in seinen Sitz fläzt. Ich bitte ihn mehrmals, doch ein Stück zu rutschen, aber es gelingt ihm offenbar nur bedingt, zu erkennen, dass er sich nicht zu Hause auf seinem Sofa in trauter Familienumgebung befindet. Während der Show informiert er mich dann auch darüber, dass er kurz mal rausgehe oder über die Songs, die er am meisten mag. Ich glaube nach einer halben Stunde selbst fast, dass wir gemeinsam als Bekannte dort sind.

Die Show beginnt mit Originalaufnahmen und Fotos von Cash, die über die große Videoleinwand laufen. Wir sehen den Beginn seiner Lebensgeschichte, alles mit englischen Untertiteln, die über Lautsprecher von einem Sprecher aus dem Off übersetzt werden. Die Stimme des Sprechers ist schön, seine Intonation ein wenig langweilig und „abgelesen“ für mich. Gerade über den Anfang und den Menschen mit Träumen und Ideen hätte ich gern etwas mehr erfahren.

„Nun sei mal nicht so streng“, ermahne ich mich selbst.

Die wörtlichen Zitate von Cash werden vom Hauptdarsteller Tom Parsons gelesen, der die Show auch produziert hat. Der süddeutsche Akzent, der seine bayerische Herkunft verrät, ist schwer gewöhnungsbedürftig für mich. Auf der Bühne ist Parsons dennoch großartig. Er singt hervorragend und hat viel von Cashs Auftreten übernommen, wie er die Gitarre hält, wie er steht und sich bewegt. Ja, doch, er spielt die Rolle wirklich toll (solange er singt und nicht redet)!

Dennoch springt lange Zeit der Funke bei mir nicht über. Die Musik ist gut, wenn auch manchmal lahm. Doch wirklich laienhaft und hölzern sind die Dialoge der Darsteller. Ich sitze in der ersten Reihe und fühle mich wie ein Regisseur, der jeden Moment: „Cut, cut, cut!“ rufen will. Wie gern möchte ich den Darstellern mehr Feuer für ihre Rollen geben, Leidenschaft und Authentizität. Na gut, vielleicht wird das noch und vielleicht liegt das am ungünstigen Sitzplatz, denke ich. Dennoch bleibt der Beigeschmack, dass die Show hier nicht das Geringste mit einem „echten“ Musical zu tun hat, in dem ich womöglich die Person Johnny Cash hinter der Musiker-Fassade hätte kennenlernen dürfen.

Ich spüle  diese Gedanken in der Pause mit einem Glas Wein hinunter. Viele Gäste hatte ich im Saal mit Bierflaschen gesehen. Dann erfahre ich von der etwas wirschen Dame am Einlass, dass nur Flaschen, jedoch keine Gläser im Saal erlaubt seien. Die Logik dieser ungerechten Regelung bleibt mir leider verborgen und wird auch nur mit einem strengen „Es ist eben so.“ kommentiert.

Ich werfe einen Blick auf die drei Backgroundsängerinnen, die ich sehr gut sehen kann. Die vordere singt mit Enthusiasmus und Freude, es macht Spaß, ihr zuzusehen. Die mittlere Sängerin bleibt etwas unscheinbar für mich, aber alle Stimmen passen gut zusammen und sind angenehm. Die dritte Lady mit der schönen klaren, hohen Stimme schaut die gesamte Show über gelangweilt, pikiert oder genervt. Vielleicht ärgert sie sich, dass  sie nicht die June Carter spielen durfte, zumindest gewinnt man diesen Eindruck bei ihrem Gesichtsausdruck. Schade, denn ihr Gesang an sich gefällt mir.

Apropos June Carter: Ich liebe die Stimmfarbe und den Gesang von Miss Rhythm Sophie in der Rolle. Sie singt so wunderbar, dass ich ihre Texthänger bei Jackson fast ignorieren kann. Schauspielerisch bleibt auch sie eher laienhaft und im Nachhinein bin ich unsicher, ob sie überhaupt eine Sprechrolle hatte. Falls ja, ist sie nicht in meinem Gedächtnis haften geblieben.

Die Band, ist spielerisch gut, der Bassist sticht für mich positiv heraus. Endlich jemand, der mal lächelt und dessen positive Ausstrahlung die Bühne verlässt und direkt bei mir im Herz landet.

Im zweiten Teil der Show gelingt es dann doch mal punktuell mich zu begeistern und ich erlebe wirklich schöne musikalische Momente. Insgesamt ist die Show musikalisch sehr schön, schauspielerisch ein Desaster. Obwohl ich wirklich kein großer Cash-Kenner bin, erfahre ich so gut wie nichts Neues aus seinem Leben und der Mensch Johnny Cash mit Gefühlen, Gedanken und Zweifeln bleibt vollends verborgen.

Den „tiefen Einblick in die wirkliche Welt des ‚Man in Black‘“, wie im Programm angekündigt, suche ich vergebens. Ich genieße den Abend dennoch und lerne, dass es wie so oft gut täte, Erwartungen, Wünsche und Vorstellungen zu Hause liegen zu lassen, wenn du dich amüsieren willst.

 

Am Schluss noch ein kleiner Nachtrag. Ich hätte Euch gern ein Bild von dem Abend oder wenigstens meiner Eintrittskarte gezeigt. Leider bin ich hier auf einen selten strengen Veranstalter gestossen, der jegliches Bildmaterial untersagte, aber auch keine Pressebilder zur Verfügung stellt. Was bin ich froh, dass man mir wenigstens nicht das Wort verbieten kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.