„Saufen und Laufen“

19. Juli 2019, Tag I

Drei Tage „Wein und Wandern“ liegen vor mir. Gestern Abend war ich erschöpft von einem langen Arbeitstag ins Bett gefallen und so stehe ich heute früher auf als geplant und packe jetzt, am Reisetag meine Sachen. Jetzt noch schnell Blumen gießen, den Müll wegwerfen … ach, und die Nägel neu lackieren!

Am Bahnhof Gesundbrunnen wartet der ICE schon. Mein Wagen, in dem ich einen Platz reserviert habe, befindet sich direkt an der Treppe, die ich eben heruntergekommen war. Noch ist der Zug leer, aber schon nach wenigen Minuten füllt sich das Abteil nach und nach. Am Hauptbahnhof steigen viele Menschen ein, es ist laut, eng, stickig. Die ersten Reisenden beginnen, sich unfreundlich zu beschimpfen, irgendwo weint (wie immer) ein Kleinkind. Ich fahre bis Halle und steige dort um. Der Bahnhof wird gerade restauriert, kaum kann ich eine Toilette finden. Der folgende Regionalzug nach Naumburg ist dafür nahezu leer und sauber. Ich spüre endlich so etwas wie ein kleines Urlaubsgefühl in mir aufsteigen. Kaum fünfundvierzig Minuten später bin ich in Halle. Erst in knapp einer Stunde fährt der Zug nach Naumburg.

Mit einer Freundin schreibe ich ein bisschen über WhatsApp, um mich abzulenken. Ich berichte ihr von einem „Date“, das ich nächste Woche habe. Sie klingt wenig begeistert, ja, ich weiß selbst, dass er verheiratet ist (nur für mich ist es ein Date, für ihn nur ein freundschaftliches Treffen) und ich weiß auch selbst, dass es nur ein wenig Teenie-Träumerei ist. Na und, wem tun so ein wenig Schwärmerei und ein paar wilde Tagträume schon weh!?

Da die Fahrt heute an diesem heißen Tag etwas länger wird, habe ich mir etwas zu trinken eingepackt, da tue ich eher selten, muss ich gestehen. Ich probiere ein neues „Infused Water“ mit Minz-Gurken-Geschmack. Es schmeckt erstaunlich gut.

Von Naumburg aus fahre ich nur ein paar Minuten bis zu meinem heutigen Domizil. Es ist still hier und beginnt, leicht zu regnen. Warm und mild ist die Luft und selbst der Regen scheint nahezu lautlos, um niemanden zu stören, auf die Erde zu tropfen. Meine Pension ist niedlich, gemütlich und sauber. Ich halte mich nicht lange auf, denn ich habe wirklich Hunger inzwischen.

Ich kehre in eines der wenigen geöffneten Weinstuben ein und trinke den ersten leckeren Wein meiner Reise, ein Silvaner. Dazu gibt es Flammkuchen und ich genieße das Knuspern des Teiges, als sich der Regen draußen doch noch zu einer lauten und wilden Invasion entschließt. Es schüttet aus Eimern, doch ehe ich meinen Wein ausgetrunken habe, scheint schon wieder die Sonne.

Ich entschließe mich, doch die Gegend hier zu erkunden und nicht, wie ursprünglich geplant, nach Naumburg zu wandern. Ich entdecke einen stillen Wanderweg, vorbei an Häusern und Weinbergen, die Straße gesäumt von Obstbäumen, Blumen blühen am Wegesrand. Ich entdecke ein Schild „Kloster Pforta Weingut“, ja super, da wollte ich doch immer mal hin. Ich habe vor ein paar Jahren auf einer Messe den prämierten Wein dieses Weingutes getrunken, „Bacchus“ hieß er glaube ich.

Google sagt mir, dass das Weingut leider bereits für heute geschlossen hat. Ich bin etwa zwei Stunden gelaufen, gemütlich durch die Sonne und manches Mal in Tagträumen versunken. Nun gut, wohin dann? Ich überquere die Saale über eine Steinbrücke und entdecke ein gemütliches Restaurant. Es heißt Fischhaue, aber zum Glück gibt es auch andere Speisen. Ich habe noch keinen Hunger, aber ich ahne, dass es hier abends nichts mehr gibt, was geöffnet hat, also kehre ich ein und esse eine Kleinigkeit. Die Terrasse ist gut gefüllt, viele Radfahrer kehren hier offenbar ein. Zu meiner Freude gibt es den Bacchus hier zu trinken. Er ist köstlich!

Im Hintergrund des Restaurants habe ich ein KIoster oder eine Burg gesehen. Neugierig geworden, mache ich mich auf den Weg dorthin. Ein wunderschönes Klostergelände und ein noch schönerer alter Friedhof erwarten mich. Fotos verstorbener Jugendlicher, sie sind recht neu und bedrückend, dazwischen alte, uralte Gräber und verwitternde Steine. Das Licht ist magisch, mild und mit glitzernden Sonnenstrahlen. Der Kreuzgang ist leider bereits geschlossen, es ist nach 18 Uhr.

Es sind kaum noch Menschen hier und so kann ich den Weg über die ausgetretenen Pfade genießen und mir vorstellen, ich befände mich in alter Zeit und ginge täglich über diese Steine, um Wissen zu erlangen, das nicht jedem angeboten wird. Erst zwei Tage später in Naumburg erfahre ich, dass auch Friedrich Nietzsche, den ich als Teenager verehrte, hier zur Schule ging. Das Gelände beherbergt (schon seit 1543) die Landesschule Pforta und ist ein Internatsgymnasium zur Förderung Begabter, wie ich abends im Handy lese. Nicht umsonst erinnern mich einige Gebäude also an Hogwarts.

Der Rückweg führt mich über ein Feld neben einer vielbefahrenen Straße, ich bin unsicher, ob das der richtige Weg ist, auf den mich Google Maps hier schickt. Ich mag nicht umkehren, langsam legt sich die nahende Dämmerung über das Land. Glücklicherweise führt mich ein winziger Pfad am Ende des Feldes wieder zurück auf die Straße und der romantische Weg unter den Obstbäumen führt mich in meine Pension zurück. Manchmal duftet es nach Lavendel, eine bunt getigerte Katze begrüßt mich miauend und folgt mir ein paar Meter, ehe sie die Lust verliert.

In einem wild blühenden Garten kann ich die Insekten summen hören. Menschen treffe ich kaum. Herrlich, diese Zeit allein, hier auf dem Wanderweg, im Sommer. Ein paar Ideen für neue Singtexte tauchen spontan auf, ich singe sie in mein Aufnahmegerät, ehe sie sich davon machen wie schwindende Träume am Morgen.

Ich bin heute 15 Kilometer gelaufen und wohlig erschöpft. In Naumburg-Rossbach angekommen trinke ich einen leckeren Schoko-Kaffee aus dem Automaten der Pension und dann noch einen kleinen Wein, dieses Mal ein Müller-Thurgau, den ich mittags im Restaurant vorsorglich für den Abend gekauft hatte. Das Motto des Ausfluges „Saufen und Laufen“ will schließlich erfüllt werden.

Dann entscheide ich mich für den morgigen Tag für eine Tour nach Neuenburg und Freyburg. Es soll glühend heiß werden. An der Straße sah ich eine Umgebungs- und Wanderkarte, die werde ich einfach abfotografieren.