Saufen und Laufen III

21. Juli, Tag III

Naumburg und Heimfahrt

Der dritte und letzte Tag des kleinen Ausfluges beginnt wieder mit Sonnenschein und meinem inzwischen üblichen Schokokaffee. Es fühlt sich gar nicht schlecht an, das Frühstück wegzulassen und erst ab mittags zu essen. Vom Regen gestern Abend ist nichts mehr zu sehen. Es ist schon recht warm, fast heiß schon.

Am späten Vormittag mache ich mich mit meinem Rucksack auf den Weg in Richtung Naumburg. Ich lächele, als ich mich an das gestrige Gespräch mit der Verkäuferin im Museumsshop der Burg erinnere. Als ich ihr sagte, dass ich überrascht war, zu sehen, dass die Weingüter am Wochenende oft nur von 11 bis 14 Uhr offen hätten und das nicht so eine gewöhnliche Zeit zum Weintrinken sein, grinste sie und sagte: „Aber wir machen das hier so. Probieren Sie es mal aus, das geht schon.“ Dann lachten wir beide. Und tatsächlich sollte ich heute den ersten Schluck Wein bereits um 11.30 Uhr genießen.  

Ich fülle den Rest des Bacchus-Weins in meine Wasserflasche um und mache mich auf den Weg. Ein kleiner Wanderweg soll nach Naumburg führen, Google Maps kennt ihn nicht, aber die Wandtafel im Ort zeigte ihn an und ich habe ja vorsorglich Fotos gemacht. Unterwegs verlaufe ich mich dennoch und muss umkehren. Dann entdecke ich den kleinen Pfad, kaum breiter als ein Fuß und von hohem Gras bewachsen. Ob das echt der richtige Weg sein soll? Da ich keine Lust habe, die laute Straße entlangzulaufen, wage ich es und bin froh, als ich nach einer Weile tatsächlich die Kirchtürme der Stadt erblicken kann. Inzwischen brennt die Sonne heiß vom Himmel. Was soll’s denke ich und genehmige mir den ersten Schluck Wein, als ich endlich das Ortseingangsschild von Naumburg passiere. „Laufen und saufen“, das hab ich an diesem Wochenende wirklich gut erfüllt.

Ich überquere eine große Brücke, die über die Bahngleise führt und mache mich auf den Weg ins Stadtzentrum. Es ist Sonntag und die Geschäfte haben geschlossen. Ein Laden hat jedoch geöffnet, ein Senfladen! Ich darf alle Sorten probieren und kaufe direkt eine leckere Bratwurst dazu. Dann kaufe ich ein großes Glas Senf mit dem spannenden Namen „Scharfe Schwester“ und plaudere noch ein wenig mit der jungen Verkäuferin. Wir reden über Mietpreise und den Tourismus, die Sonntagsschule am Dom und über „alte Zeiten“.

Dann spaziere ich über den hübschen Marktplatz auf dem ein paar Musiker die eisessenden Passanten unterhalten und laufe zum Nietzsche Haus. Ich wollte es schon immer mal sehen, zumal ich gerade einen wunderbaren Roman lese, in dem Nietzsche ebenfalls vorkommt (Yaloms „Und Nietzsche weinte“). Als ich feststelle, dass ich das Haus auch von innen sehen kann, schaue ich auf die Uhr. Schaffe ich das noch? Ja, es geht. Ich mag keine Museen und Ausstellungen und langweile mich oft, aber heute mache ich eine Ausnahme und trete ein. Das Kassenzimmer ist geschlossen, also schaue ich mich im ersten Raum um und betrachte die Fotos aus Nietzsches Kindheit und Jugend. Ich entdecke erstaunt, dass er u.a. in Klosterpforte zur Schule ging und vor ebendiesem Tor ein Foto mit einem Freund machen ließ vor dem ich selbst vor zwei Tagen stand!

Kurz nach mir betreten zwei junge Studenten, die wie Heavy Metal Fans aussehen, ebenfalls das Museum und nur wenige Minuten später erscheint die Kassiererin. Sie meint wohl wir gehören zusammen und kassiert von den Jungen den Studentenpreis für drei, sagt es aber nicht. Als ich zahlen will, wirkt sie überrascht und lacht dann. Ich gebe den Jungs meinen Anteil am Eintrittsgeld und die alte Lady und ich schmunzeln vergnügt als ihr klar wird, dass ich wohl weit über das Studentenalter hinaus bin. Kurz erklärt sie uns, was wir in welchem Raum finden und lässt uns dann allein.

Ich drehe meine Runde durch das Haus. Im oberen Stock erschrecke ich mich vor der lebensgroßen Pappfigur von Nietzsches Schwester. Grundgütiger! denke ich entsetzt, auch er hat sich bestimmt oft vor seiner herrischen Schwester erschrocken. Dann setze ich mich noch kurz auf den Balkon, auf dem Nietzsche einige Jahre in tiefster geistiger Umnachtung und gepflegt von seiner Mutter, verbrachte. Ich hoffe, wenn überhaupt, nur ein wenig vom Geist des Philosophen atmen zu können und nicht gleichzeitig seinen Wahnsinn zu inhalieren.

Als ich das Haus verlasse, voll mit Informationen über sein oft einsames und kränkliches Leben, seine langjährigen Streitigkeiten, sein schwieriges Verhältnis mit Frauen, Erinnerungen an seine Fotografien mit dem irrwitzigen Bart und all dies gemischt mit dem Friedrich Nietzsche aus dem Roman von Irvin Yalom wird mir klar, dass es Zeit für einen neuen Philosophen in meinem Leben ist. Meine Nietzsche-„Verehrung“ ist vorbeigegangen. Lesen kann ich ja dennoch mal wieder was von ihm, um mir auch wirklich sicher zu sein.

Ehe der Zug mich zurück nach Berlin bringt, laufe ich hinüber zum berühmten und schönen Naumburger Dom, so sagt man zumindest. Auch hier ist man sich des Tourismus durchaus bewusst und verlangt 6,50 EUR Eintritt und weitere 2 EUR um Fotografieren zu dürfen. Ich bin ein bisschen ärgerlich, zahle aber, um den Dom endlich von innen zu sehen. Und dann bin ich… enttäuscht. Der Dom wird innen restauriert und man kann nur einen Teil des Gebäudes sehen. Alles wirkt ein wenig zu schlicht, zu grau zu einsam. Die Krypta ist leer, nur ein winziger Altar steht in dem engen Raum. Hier sieht man nichts des majestätischen Gebäudes, als dass es aus der Ferne erscheint. Der Kirche fehlt alles „Heilige“, „Magische“, was vielleicht auch an der touristischen Ausschlachtung liegen könnte. Weder im Kölner Dom noch in Notre Dame in Paris musste ich Geld zahlen, um das Kirchengebäude zu betreten.

 Dann gelange ich durch eine unscheinbare Tür in den Kreuzgang und bin sofort versöhnt. Ein herrlicher Hof und wunderschöner Blick auf die Türme des Doms eröffnen sich. Ein paar Rosenbüsche vervollkommnen das Ensemble. Hier offenbart sich die wahre Schönheit des Doms!

Als ich das Gebäude irgendwann verlasse stehen plötzlich die beiden Heavy Metal-Studenten aus dem Nietzsche Haus vor mir, unschlüssig, ob sie so viel Geld für den Kircheneintritt zahlen sollen. Sie fragen mich, wie es war und ich gebe mein ehrliches Urteil ab. Sie entscheiden sich gegen den Besuch und werfen einen Blick in den Kreuzgang durch den Eisenzaun am Eingang.

Im Schatten des Domes genieße ich ein letztes Abendmahl, äh nein, Mittagessen, und ein gutes Glas Wein sowie ein Wasser und dann fahre ich erholt und entspannt zurück in die geliebte, doch laute Stadt Berlin.