Saufen und Laufen II

20. Juli 2019, Tag II

Richtung Freyburg

Wie erwartet, strahlt die Sonne schon am Morgen heiß vom Himmel. Ich habe gut geschlafen und fühle mich erholt und ausgeruht. Die Matratze war so weich, dass ich fürchtete, nie mehr aus dem Bett herauszukommen, aber es klappte zum Glück doch. Ich trödele herum und creme mich mit Sonnencreme ein. Erst um 11 Uhr verlasse ich die Pension, nachdem ich wieder einen leckeren Schoko-Kaffee getrunken habe.

Der asphaltierte Wanderweg ist links und rechts mit Obstbäumen gesäumt, die Hügel und kleinen Häuser im Hintergrund erinnern in der Tat an Italien, wie manchen über die Gegend hier sagen. Äpfel, Birnen, Pflaumen, ein Maisfeld. Wäre alles schon reif, ich hätte die Wanderkost direkt am Wegesrand. So aber bekomme ich bald Appetit. Die Sonne brennt heiß, die Luft flirrt bereits. Dann überquere ich einen kleinen Fluss und durchquere ein kleines Dorf. Auf der Suche nach einem Restaurant lande ich bei einem kleinen Reittournier, auf dem Bratwurst und selbstgebackener Kuchen verkauft wird. Die Kinder starren meine Tätowierungen an und schleichen um mich herum. Ich habe nicht übel Lust, sie wie Fliegen zu verscheuchen, aber ich grinse nur in mich hinein bei der Vorstellung und esse genüsslich eine Bratwurst ehe ich weiterziehe.

Der Weg führt zwischen sonnigen Feldern hindurch, es gibt nirgends Schatten und die Hitze erschöpft mich ein wenig. Dennoch genieße ich die Wanderung und die wunderschöne Landschaft. Ich werde oft von Radfahrern überholt, zu Fuß scheint nahezu niemand unterwegs zu sein. So habe ich genug Zeit für eigene Gedanken, kreative Idee und, ja auch heute, wieder für ein paar Tagträume. Ich schiebe sie irgendwann beiseite, denn mir ist bereits von der Hitze des Tages warm genug.

Dann, endlich, als ich den Weinbergen näher komme, endet der Weg an einer Straße, ein Schild weist darauf hin, dass ich in Freyburg angekommen bin. Rechts erhebt sich die Neuenburg. Soll ich da wirklich noch hoch? Ich mag ja Aufstiege schon bei mildem Wetter nicht und nicht im Traum fiele mir ein, in den Bergen wandern zu gehen. Wandern nutze ich zum kreativen Denken und zur Erholung. Da stört mich jede sportliche Anstrengung. Doch hier und heute ist die Situation etwas anders. Als ich vor Jahren beruflich in Freyburg war, lockte mich schon diese Burg dort oben und ich würde sicherlich nicht noch einmal her fahren, um extra dort hinauf zu laufen. Es half also nichts, ich wollte es heute wagen.

Zunächst kehre ich in eine kleine Weinstube ein und trinke ein großes Wasser zur Stärkung und einen Wein, um dem Motto der Tour treu zu bleiben. Erneut bestelle ich einen Bacchus. Die Inhaberin wirkt zunächst etwas mürrisch, wird dann aber schnell freundlicher als ich mit ihr über die Burg  und die schmackhaften Weine der Region plaudere. Zwanzig Minuten oder eher dreißig sagt sie, dauert der Aufstieg. Direkt hinter ihrer Weinstube weist ein kleines Schild auf den Wanderweg zur Burg hinauf. Mich schreckt schon das Piktogramm der Wanderer mit Wanderstock. Ach was soll’s, los geht’s.

Der erste Anstieg ist erträglich. Es ist heiß und mein Gesicht glüht bereits, doch ich bin ja allein und niemand sieht, wie die Röte meiner Haut nun ungünstig mit der Farbe meines Augenmakeups korrespondiert. Plötzlich sehe ich vor mir eine Treppe. Als ich sie hochlaufe, scheint sie sich unendlich zu dehnen und kein Ende zu nehmen. Zwischendurch halte ich zweimal an, um Luft zu holen, ich bin ja wirklich sowas von unfit… alle Gedanken und Ideen verflüchtigen sich, meine Beine brauchen nun alle Energie. Ein wenig Kraft bleibt noch zum Fluchen, wie bin ich nur auf die dumme Idee gekommen, bei fast 30°C im Schatten hier herauf zu laufen! Dann endlich stehe ich vor einem sanft ansteigenden Waldweg. Es ist schattig und kühl hier und ich höre die Vögel zwitschern. Es scheint, als sei die Welt mit ihren Geräuschen mit einem Mal zurückgekehrt. In sanften Wellen schlängelt sich der restliche Weg zur Burg hinauf. Ein bisschen Stolz erfüllt mich, dass ich nicht aufgegeben und all‘ die unendlich scheinenden Stufen heraufgelaufen bin.

Als ich die Burgmauern endlich erblicke, freue ich mich und fast möchte ich beschwingt über die alten Pflastersteine hopsen, wenn ich nicht so erschöpft wäre. Immerhin kehrt mein Denken langsam zurück. Doch zunächst setze ich mich auf eine kleine Holzbank und lasse den Blick über die weite Landschaft schweifen. Es ist wirklich wunderschön hier, der Ausblick, die alte steinerne Burg. Die Hitze des Tages wird erträglicher, ein leichter Wind weht hier oben und zerzaust mein Haar.

Ich drehe eine kleine Runde durch den Museumsshop, den Bacchus-Wein gibt es auch hier. Vielleicht hole ich nachher eine Flasche für den Abend in der Pension. Ich beschloss, den weiten Weg über die erhitzten Wanderwege nichtzurückzulaufen, sondern gemütlich eine Runde durch Freyburg unten im Tal zu drehen und dann mit dem Zug zurückzufahren. Ich freute mich über meine Entscheidung, denn damit hätte ich nun den anstrengendsten Teil der Wanderung hinter mir.

Lächelnd suchte ich mir einen Platz auf der Terrasse des Burg-Restaurants und bestellte mir ein riesiges Wasser, natürlich auch ein Glas Weißwein und einen Salat. So viel gesundes Essen wollte ich unbedingt ausgleichen und bestellte mir später noch ein Stück Apfelkuchen. Am Nebentisch saßen sechs Jugendliche und zwei Erwachsene. In der Art wie sie miteinander sprachen und sich verhielten, erinnerten sie mich sehr an die Kids der Krisenunterkunft, in der ich arbeite. Tatsächlich sahen die beiden Erwachsenen auch wie typische Sozialarbeiter aus und die Jugendlichen sprachen vom Taschengeld, das es am kommenden Montag gäbe. Ich freute mich, dass sie mit den Jugendlichen hier auf die Burg gekommen waren und sie zu Kaffee und Kuchen eingeladen hatten.

Als sie fort waren, kamen nach wenigen Minuten bereits die nächsten Gäste: Eine Gruppe Männer mit gleichen T-Shirts, die lauthals Bier bestellten. Oh je, ein Junggesellen-Abschied! Zum Glück war ich fast fertig und machte mich wieder auf den Weg. Zunächst ging ich zurück in den Laden und kaufte den Wein. Dann überquerte ich erneut das Burggelände mit den alten schiefen Pflastersteinen. Hinter der Burg befand sich auf einem kleinen Hügel ein einsam stehender Turm, der ebenfalls über die Mauern in die Landschaft zu blicken schien. Ich umrundete ihn, machte wie immer ein paar Fotos und begann den Weg zurück ins Tal zu suchen.

Der Weg hinab geht in angenehmen Wegen durch den Wald. Zwischendurch komme ich an Weinbergen und kleinen Aussichtspunkten auf die Dorfkirche von Freyburg vorbei. Plötzlich wird es laut hinter mir. Mehrere laut redende Stimmen durchschneiden die idyllische Stille und holen mich aus dem Einklang mit der Natur zurück in die Zivilisation. Die Gruppe der Junggesellenfeier ist hinter mir aufgetaucht. Ich suche mir einen Seitenpfad und setze mich auf eine alte Treppe bis sie vorüber sind. Noch Minuten später, als die Männer fast im Tal sein müssen, höre ich ihre Stimmen. Langsam werden sie leiser und verstummen. Erst dann erhebe ich mich und setze meinen Weg fort. Die Luft ist angenehm warm und duftet nach Wald. Hier, beim Laufen, ist der Abstieg der angenehme Teil der Wanderung, im Leben allgemein verbindet man selten Leichtigkeit und Angenehmes mit einem „Abstieg“, überlege ich. Unsere Leben voll Leistungsdenken sind von Anstrengungen des (vermeintlichen) Aufstieges geprägt und ähneln denen, einen Berg zu erklimmen. Man erreicht den Gipfel seiner eigenen Ansprüche nur mit Ausdauer und Durchhaltevermögen. Wer aufgibt, wenn es anstrengend wird, erreicht nie, was möglich wäre. Doch im Leben scheint es nie ein Ende des Hinaufkletterns zu geben, immer weiter, weiter, kein Ausruhen, keine Zeit für Aussicht und erholsame Spaziergänge. Oder doch? Warum immer etwas leisten, zu welchem Ziel und Zweck letztendlich?  Vielleicht reicht es auch, einfach zu leben, einfach zu sein.

Diese und ähnliche Gedanken gehen mir durch den Kopf als ich allein durch die Stille des Waldes laufe und schon bald unweit des Zentrums von Freyburg die kleine Stadt betrete. Vor Jahren war ich beruflich hier und besuchte die Sektkellerei von Rotkäppchen, die sich ganz in der Nähe befindet. Es ist möglich, hier Führungen zu buchen und sich alles anzusehen. Heute zieht es mich jedoch nur kurz in Richtung Altstadt. Die Kirche ist geschlossen, dahinter erstrecken sich grüne Weinberge. Ich schlendere durch den Ort und erreiche noch rechtzeitig den Zug zurück. Er fährt einmal pro Stunde und obwohl es nur zwei Stationen sind und ich in wenigen Minuten wieder am Ausgangsort der Wanderung angelangt bin, zahle ich 3,40 EUR. Nun ja, die Gegend lebt eben vom Tourismus und nicht zu knapp wie es scheint.

Auf dem Rückweg vom Bahnhof höre ich wieder die Grillen im Gras zirpen. Sie erinnern mich an die sommerlichen Gesänge der Zikaden in Japan. Fernweh. Ich laufe zum kleinen Feldweg, an dem ich gestern schon vorbei kam und setze mich auf eine Bank. Es ist milder geworden und bald wird die Abenddämmerung sich über das stille Land legen. Ich öffne die Flasche Wein von der Burg. Er schmeckt herrlich hier draußen im Abendsonnenlicht.  Während ich den Blick in Richtung Naumburg schweifen lasse, man kann den Dom von hier aus sehen, frage ich mich, wer wir sind ohne unsere Leistungen, Fähigkeiten, unsere Eigen- und Besonderheiten. Wer wäre ich ohne meine Japan- oder Psychologiekenntnisse, ohne die Musik, ohne die Tätowierungen, ohne das ständige Reden… wäre ich noch ich? Was macht uns Menschen aus?

Die Hitze des Tages hat kleine Salzkristalle auf der Haut hinterlassen und ich genieße eine wohlig warme Dusche und duftende Creme ehe ich am Fenster stehe und einem abendlichen Gewitter zuschaue. Blitze zucken durch die Landschaft, erhellen den Himmel kurz, so dass es fast blendet und in wenigen Minuten steht die Straße unter Wasser. Blätter wirbeln durch die Luft und der Duft von frischem Gras mischt sich mit dem sanften Aroma meiner Lieblingscreme („Soap & Glory“, falls mich mal jemand beschenken und erfreuen möchte), der von meiner noch duschwarmen Haut aufsteigt. Keine fünfundvierzig Minuten später ist das Gewitter weggezogen und ich schlafe schnell ein.