Meeresrauschen Teil II

Sonntag, Sonne, Mittagszeit. Der Zug spukt mich und die anderen vollgepackten Urlauber am Endbahnhof Binz auf den Bahnsteig. Was wir Menschen mit uns herumtragen und vermeintlich für Urlaub brauchen. Mein schwerer Rucksack zeigt, dass ich mich da nicht ausnehmen kann.

Wieder laufe ich etwa zwanzig Minuten durch die gleißende Sonne bis ich endlich in der Nähe des Hotels an der Seebrücke ankomme. Überall stehen Verkaufsbuden herum, die Süßes und Herzhaftes sowie verschiedene Getränke anbieten. Ducksteinfestival. Aha, kenn ick nich‘, aber jut, so kann ich mir die Zeit bis zum Check-in mit einem Glas Wein versüßen. Ich nehme einen „Bacchus“, der mich an meine letzte Naumburg-Reise vor einigen Wochen erinnert. Allerdings ist er gar nicht aus dem Saale-Unstrut Gebiet, sondern von der Nahe. Vielleicht schmeckt in der salzigen Seeluft einfach alles anders, aber so richtig begeistert mich der Wein nicht. Dennoch ist es angenehm, dass ich im Schatten eines großen Sonnenschirms meinen Gedanken nachhängen kann. Der Rucksack darf sich auf dem Boden neben mir ausruhen und zum Buch, das ich mit Begeisterung weiterlese, schmeckt der Wein dann doch ganz gut.

Als ich mein Glas abgebe, erwähnt der Weinhändler verwundert, er habe noch nie einen Gast erlebt, der wie ich mit dem Rücken zum Geschehen gesessen und so sehr ganz allein bei sich gewesen wäre. Ich muss lachen und bedanke mich. Bei sich sein, ja das klingt toll.

Das Hotel liegt nur wenige Meter neben der Seebrücke. Ich bin begeistert von der Lage, dem riesigen Zimmer und dem Balkon mit Meerblick. Was habe ich da wieder Wunderbares bei www.booking.com gebucht. Ich verrate Euch jedoch den Namen des Hotels nicht, sonst wollt ihr da alle hin und ich selbst finde kein Zimmer mehr, ätsch.

Dann lockt mich wie immer das Meer und ich ziehe meine Badesachen an und eile Richtung Wasser. Es ist, als würde es mich rufen. Vor meiner Abreise hatte ich im Internet bereits einen Strandkorb (www.strandkorb-binz.de) ab morgen gebucht, mein eigenes gemütliches, kleines Strandhäuschen. Die junge freundliche Frau in der Strandbar vereinbart mit mir, dass ich bereits heute Abend den Schlüssel holen kommen kann. Ich freue mich, das läuft ja hier wie im Schnürchen.

Als ich am Abend die Promenade entlang spaziere, höre ich Musik. Drei Mädels verzaubern mit wunderbarem Gesang  und ihre Stimmen vermischen sich mit dem sonnig-salzigen Wind. Neben ihren Stimmen brauchen sie nicht viel, nur eine Gitarre und ab und zu die Ukulele, das reicht aus, um mich gefangen zu nehmen. Wie schön und inspirierend! Und so endet der erste Tag mit Wein, Weib und Gesang.

Die nächsten Tage sind voll von dem Gefühl tiefer Zufriedenheit und purem Glück! Die Sonne scheint, das Meer rauscht und das Geschrei der Möwen weckt mich am frühen Morgen. Ich spaziere schon um sechs Uhr am Strand entlang und schaue dem roten Ball zu, der am Horizont wie eine riesige Gottheit erscheint und auf dem Wasser erst orangerote, dann goldene und schließlich silberne Glitzerpunkte hinterlässt. Es ist still so früh am Morgen und das warme Wasser umspült meine nackten Füße. Um sieben springe ich noch vor dem Frühstück in die Fluten. Das Meer ist so klar, dass ich noch von der Seebrücke aus ein paar kleine Quallen erkennen kann.

Das Meer ist jeden Tag gleich und doch jeden Tag anders, doch es enttäuscht mich nie. Mal rauschen wild sprühende Wellen heran und ich kann im Wasser herumspringen wie ein Kind und dann, am nächsten Tag, liegt die See da wie ein stiller, glatter Spiegel und nichts außer den kleinen Wolken am hellblauen Himmel wird reflektiert.

Der Strandkorb ist wunderbar, ich kann hier lesen und die Welt beobachten, den Wellen lauschen und manchmal, am Morgen, ehe die Familien kommen, höre ich sogar kleine Vögel in den Bäumen hinter den Dünen.

Obwohl ich davon ausgegangen war, dass ich vor allem auf alte Damen und Herren hier in Binz treffen würde, ist das Publikum sehr gemischt. Junge Familien mit Kindern, Jugendliche, Erwachsene, Alte, alles und jeder scheinen hier zu sein. Für die Masse an Menschen bleibt es erstaunlich ruhig.

Das alte Pärchen im Nachbarstrandkorb stellt mir manchmal komische Fragen, ob ich mich allein für meine Tätowierungen entschieden hätte oder genötigt worden wäre. Ich muss mir ein bisschen das Lachen verkneifen und bleibe kurz angebunden. Ich mag keine Gespräche führen, ich mag dem Meer lauschen. Und endlich finde ich mal wieder Zeit, ein wenig zu zeichnen: Menschen am Strand und ein paar Möwen, eine Welle, ein Schiff… es sind nur Skizzen, doch ja, ich bin ganz bei mir, wie der Mann vom Weinstand schon sagte.

Im Strandkorb hinter dem Paar mit den seltsamen Fragen sitzt jeden Morgen ein ebenfalls älteres Ehepaar mit einem kleinen Jungen. Er trägt noch Windeln und Opa kümmert sich rührend um den Kleinen. Er rennt hinter ihm her zum Wasser und zusammen tragen sie Wasser und Sand in kleinen bunten Eimern hin und her. Manchmal fragt der Mann den Kleinen, ob er den Eimer mitnehmen wolle. „Nein, Opa trägt!“ ruft der Zwerg und rennt zum Wasser. Der alte Herr lacht gutmütig. Das Paar wirkt freundlich und sehr entspannt. Sie strahlen Ruhe und Zufriedenheit aus. Nach ein paar Tagen grüßen sie, wenn sie mich sehen. Das Kind ist fröhlich und weint nie, was ich ebenfalls sehr angenehm finde. Bis zu dem Tag, an dem die Eltern des Kleinen dazu kommen. Die Mutter wirkt gestresst und gibt andauernd bissige Kommentare von sich, der Vater wuselt hektisch umher und der Kleine heult nun was das Zeug hält. Es ist, als könne man zwischen unseren Strandkörben nach der negativen Energie, die sie mitgebracht haben, wie nach einer schwarzen, schweren Wolke greifen. Vielleicht brauchen sie noch ein wenig Zeit am Meer, bis das Meer auch ihre Sorgen hinweg spült und die Stille sie umschließt..

Mein Telefon lasse ich jeden Tag im Hotel liegen, ich brauche es nicht am Strand (nur abends und morgens nehme ich es für ein paar Fotos mit). Nun habe ich nicht mal mehr eine Ahnung von der Uhrzeit, aber ich orientiere mich am Stand der Sonne… und meinem Hungergefühl und tatsächlich verlasse ich jeden Tag in etwa um die gleiche Zeit den Strand. Jeden Tag fahren Fähren von  und zur Seebrücke. Das Boot mittags gegen zwölf Uhr hupt laut, ehe es einläuft, so weiß ich, dass Mittagszeit sein muss. Manchmal hört man Lautsprecherdurchsagen von den Schiffen, wenn der Wind günstig steht. Eines Tages sagt der nette Opa des Kleinen: „Jetzt erzählen se auf dem Boot, dass dit Schiff übers Wasser fährt.“ Ich muss lachen, mit ihm lachen auch seine Frau und zwei Damen in einem gegenüberliegenden Strandkorb. Wie verbindend so ein Lachen sein kann, merke ich. Welch einfache und angenehme Art der Kommunikation.

Die Abende verbringe ich auf dem Ducksteinfestival. Es hat nichts nerviges oder anstrengendes, ganz im Gegenteil. Ein wunderhübsche „Barfußbar“ am Strand, mit Sonnensegel und gemütlichen Sitzplätzen, eine Theaterbühne im Sand und Menschen, die zwischen Bad und Bier ein wenig Kunst genießen. Im Wechsel gibt es dann Livemusik auf der Bühne gegenüber dem Kurhaus und auch hier ist alles voll entspannter Lebensfreude. Ein überaus einzigartiger und amüsanter Moderator unterhält das Publikum gekonnt und sorgt für Lachen und Applaus.

Ich trinke Wein und ab und zu sogar ein Radler und genieße die sonnigen Abende zwischen Sandstrand und Musik. Zwei, drei Bands hinterlassen bleibenden Eindruck, sind inspirierend, fabelhaft und manchmal auch besonders schön anzusehen (z. B. Mrs. Greenbird, Rockhouse Brothers und James Sunburst mit Lars Vegas, ach nein, hier nennt er sich Voges). Ich singe laut, tanze wild und genieße das Leben. Am ersten und letzten Abend treffe ich auf die „Tanz-Omi“, wie ich sie nenne. Ein alte Dame aus Leipzig, die immer mit einer weißen Steppweste auftaucht und sie tanzt und tanzt, auch allein auf der großen Tanzfläche. Ich spreche sie an und sage ihr, wie toll sie sich bewegen kann, denn das tut sie und sie sprüht vor Lebenslust, dass es eine Freude ist. Sie ist ganz bezaubernd und an meinem letzten Abend rocken wir sogar zusammen und lachen wie zwei junge Mädchen zur Musik der Rockhouse Brothers. Sie verabschiedet sich mit warmem Blick und Händedruck von mir.

Obwohl ich im Urlaub einfach am liebsten Zeit allein verbringe und die Welt um mich nur beobachten und genießen will, werde ich immer mal wieder von Fremden angesprochen und mal ist es leichter, mal schwerer, sich aus der Umklammerung anderer zu lösen.

Einmal begegnet mir ein wunderhübsches grünäugiges Mädchen, das sich nach Kommunikation mit anderen außer ihren Eltern sehnt. Sie spricht mich an der Strandbar an, als ich gerade ein paar Skizzen zeichne und ehe ich mich versehe, verbringe ich einen lustigen Abend mit ihren entspannten Eltern und dem frühreifen klugen Teenager, der mir nicht mehr von der Seite weicht. Ehrlich gesagt hatten wir viel Spaß zusammen.

Am letzten Abend werde ich jedoch von einer Frau angesprochen, die ebenfalls allein vor der Konzertbühne steht. Sie ist ein Band-Groupie (das verneint sie jedoch vehement) und reist in einige Städte der Republik, um die Jungs auf der Bühne zu sehen, die unbestritten vorzeigbar sind. Ich habe keine Lust auf Gespräche, doch sie hört nicht zu. Sehr deutlich muss ich dann Zeit für mich allein erkämpfen und als ich denke, ich hätte es geschafft, sucht sie nach ein paar Stunden die Nähe erneut. Selten habe ich mich so kühl und unhöflich erlebt, aber auch das scheint sie nicht zu schrecken. Da darf ich in jedem Fall noch weiter üben.

Und dann treffe ich die nette Verkäuferin aus dem Senfladen in Naumburg! Ich habe sie nicht erkannt, doch sie spricht mich an und ich bin mal wieder überrascht, wie klein die Welt ist. Wir stoßen mit unseren frischen orangen Aperol-Spritz im milden Licht des Abends an und gehen lachend auseinander.

Die Woche verrinnt zwischen meinen Fingern wie der warme, weiße Sommersand und als ich nach dem letzten Konzert im Dunkeln am Strand sitze und die Sterne beobachte, werde ich fast ein wenig wehmütig. Da oben Kassiopeia und der Große Wagen und da? Ach, ein Flugzeug am Nachthimmel.

Als ich wieder zu Hause bin, setze ich mich im Dunkeln auf den Balkon. Fast höre ich noch aus der Ferne das Rauschen des Meeres und da, Kassiopeia und der Große Wagen.

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