Meeresrauschen Teil I

Ein Wochenende in Stralsund

Wieder zieht es mich ans Meer.

Erst einmal zwei Tage Stralsund und dann geht es weiter nach Binz für eine Woche, mitten im Sommer. Bestimmt treffe ich vor allem Kleinkinder und Rentner, denke ich mir, als ich den großen Rucksack Richtung Zug schleppe. Der Zug ist recht voll, aber ich habe wieder einmal Glück und finde einen Platz. Die ältere Dame, die vor mir den Zug betritt, ist auf plötzlich flink wie ein junges Mädchen und sprintet vor mir die Treppe hoch, um sich dann auf zwei bis drei Plätzen breit zu machen. Eine weitere Dame wagt es dennoch, sich in dem blockierten Viererabteil niederzulassen.

Zur Strafe wird sie ihre gesamte Zugfahrt lang mit der Lebensgeschichte und einer Reihe allgemeiner Ansichten  der alten Dame beglückt, vom Festnetztelefon bis zur Anzahl der Verwandten in den Städten und Dörfern, die wir passieren, hat die Frau stundenlang zu berichten.

Ehe ich mich darüber aufregen kann, kommt der Schaffner. So einen gutgelaunten und positive Energie verbreitenden DB-Mitarbeiter habe ich noch nie erlebt und erfreue mich an  seinen Scherzen, die er jedem Reisenden wie kleine Glückskekse zuwirft. Er kann jedoch auch wie ein echter Berliner leicht genervte Ansagen durch den Zug und auf den Bahnhof senden: „Wird dit da hinten mit den Rädern heut‘ noch watt?“ Die Fahrgäste grinsen.

Ohne Zwischenfälle geht es nun direkt nach Stralsund, vorbei an Feldern vor einem weißgetupften Himmel, ein paar Pferden und Kühen. Ich kann es kaum glauben, dass bereits Ende August ist und der Herbst bald Einzug hält mit Regen, Kälte, Dunkelheit. Ich mag nicht darüber nachdenken und lese mein neues Buch (es ist so großartig, dass ich vielleicht demnächst einen extra Blogartikel über die Bücher in letzter Zeit verfasse): „Die Geschichte des Wassers“. Wenn das nicht passend für die Ostseereise ist.

Dann bin ich in Stralsund angekommen. Zwanzig Minuten dauert der Fußweg zum Hotel, ich hätte wirklich weniger Klamotten mitnehmen sollen, denke ich als der Rucksack schwerer und schwerer zu werden scheint. Dann endlich bin ich da, in einer süßen kleinen Pension nah am Hafen. Das Zimmer ist winzig und direkt unterm Dach herrscht unfassbare Hitze, aber die Lage ist unschlagbar.

Dann mache ich eine kleine Tour durch die Stadt. Es ist eine Weile her, dass ich hier war. Doch zunächst ein kleiner Snack. Ich kehre ins „Schipperhus“ ein und genehmige mir einen Aperol Spritz und ein kleines Essen. Der Wirt ist ein rundlicher Mann mit Kodderschnauze. Ich erinnere mich, dass ich bei meinem letzten Stralsund-Besuch auch hier war und den Wirt schon damals einmalig fand. Es ist still hier am Hafen. Die Nachmittagssonne scheint auf ein paar Segelboote, die im Wasser dümpeln, das Ozeanum liegt im Rücken und erhebt sich groß und weiß neben den kleinen Altstadthäusern. Ich habe keine Lust hineinzugehen.

Also schlendere ich durch die Altstadt. Nach wenigen Minuten stehe ich schon auf dem Alten Markt mit St. Nikolaikirche und Rathaus. Ringsum reihen sich Restaurants und Cafés, ein paar Kinder spielen an einem ebenerdigen Brunnen, der ab und zu Wasser in Fontänen ausspuckt und manchmal eben auch nicht. Vom Marktplatz aus führt der Weg durch eine kleine Einkaufsstraße und schnell landet man beim Neuen Markt, wo die St. Marienkirche steht. Aber heute Abend hat alles bereits geschlossen und so laufe ich zurück zum Hafen. Über der Altstadt versinkt die Sonne langsam und taucht die Menschen am Ufer in wunderbar romantisches Licht. Alles ist rosarot, sogar der Wein in meiner Hand, ach halt, ich habe ja auch Rosé bestellt. Ein Liedermacher spielt mit Gitarre und Bluesharp, singt mal auf Deutsch, mal auf Englisch und sorgt für entspannte Stimmung, hier neben der riesigen Gorch Fock I, die ich ebenfalls nicht besichtigen will, aber könnte. Später am Abend springen ein paar Jungs neben dem alten Schiff ins Hafenbecken und freuen sich ihres eigenen Übermutes. Ich muss grinsen und frage mich, ob es da wirklich eine Leiter gibt, wieder an Land zu kommen oder ob man sie mit einem Haken herausfischen muss. Ich glaube, sie waren nackt, als sie ins Wasser sprangen.

Am nächsten Morgen mache ich mich nach einem einfachen Frühstück auf den Weg, die Altstadt zu umrunden. Vom „Querkanal“ spaziere ich „Am Langenkanal“ entlang. Auch hier liegen ein paar Segelboote mit poetischen Namen, „Carpe Diem“ oder „Liberty“. Spaziergänger treffe ich nur wenige. Nach kurzer Zeit stehe ich an einem hübschen Teich, in dem sich die St. Marienkirche spiegelt. Enten plantschen am Ufer herum und hinter jeder Wegbiegung eröffnet sich ein noch schöneres Bild.

Am Ende des „Frankenteichs“ überquere ich die Straße und wende mich dem nächsten Wasser zu. Am „Knieperteich“ mache ich eine kleine Pause und genieße den Blick über das Wasser im Schatten eines Baumes. Ich entdecke einen Reiher, der auf einem erhöhten Podest im Wasser steht, ein paar Enten schwimmen davor und scheinen alle ihren Blick zum Reiher gewandt zu haben. Ich muss lachen, denn es sieht aus, wie Schulunterricht und die „Schüler“ wagen nicht, aufzustehen oder sich zu bewegen. Herr Reiher muss ein strenger Lehrer sein.

Der Weg führt mich weiter am Ufer des Teichs entlang. Links liegt nun das glitzernde Wasser während ich rechts an den Resten der alten Stadtmauer vorbeikomme. Die alten Fassaden, die man erkennen kann, laden zu fantasievollen Gedankenreisen in längst vergangene Zeiten ein. Nur die modernen Schilder des Parkleitsystems, die Geräusche vorbeifahrender Autos und ein paar ungelenke DDR-Bauten zwischen den alten Hansehäusern erinnern mich an das Hier und Jetzt.

 Mehrere Tore führen in die Altstadt hinein, doch mein Weg führt mich zunächst zum Hafen zurück.

Ein hübscher Uferweg, der von schattenspendenden Bäumen gesäumt ist, führt am Meer entlang. Ich fühle mich wie im Süden. Das blaue Meer, der blaue Himmel, ein sanfter Sommerwind, wir herrlich es hier ist! Ich gönne mir in einem Restaurant am Hafen eine leckere Eisschokolade. Die ersten Fähren kommen an und legen ab, ein Boot, auf dem Fisch geräuchert und frisch verkauft wird, liegt daneben. Fast habe ich Lust, dort vorbeizuschauen und eine Sekunde lang vergesse ich, dass ich ja gar keinen Fisch esse.

In der Ferne sehe ich wieder die Gorch Fock I, es ist das alte Segelschulschiff von 1933, das seit 2003 hier liegt und eh nicht seetüchtig ist wie ich lese (danke Internet). Nun ja, die Gorch Fock II ist es auch nicht…

Ich wende mich nun Richtung Altstadt. Durch das Kniepertor schlüpfe ich hinein in die alte Welt und werde gleich von einem angetrunkenen Polen aus meinen Gedanken gerissen, der verzweifelt nach einem Dönerladen sucht. „Wo gibt es das denn hier? Wo muss ich lang? Musst du auch in diese Richtung?“ Nee, lass mal, such‘ mal allein deinen Dönerladen. Ich schlendere in die entgegengesetzte Richtung, vorbei an kleinen Häusern und durch Gassen mit Kopfsteinpflaster und Stockrosen vor den Türen. Dann stehe ich wieder am Alten Markt. Langsam nimmt mich die Stadt mit ihrem Charme gefangen.

Am Marktplatz kehre ich in ein Restaurant ein und schaue dem Treiben auf dem Platz zu. Wieder spielen Kinder am Brunnen. Mal blubbert das Wasser leise, mal sprühen hohe Fontänen, die Kinder kreischen vor Freude. Dann fährt eine weiße Limousine auf den Platz. Ein Hochzeitspaar. Im Rathaus befindet sich auch das Standesamt. Immer mehr Schaulustige versammeln sich. Nach kurzer Zeit wird klar, es sind sogar zwei Hochzeitspaare! Die einen, ein schmales, hübsches Paar mit wenigen Gästen, trinken Sekt und fahren in der Limousine weg, die anderen, ein kräftig rundes Pärchen mit Kindern und mehr Gästen, feuern bunte Konfettikanonen ab und lassen Tauben über den Marktplatz fliegen. Als es mir zu bunt wird, öffne ich die kleine, unscheinbare Tür zur St. Nikolaikirche.

Es ist still hier, zauberhaftes Licht fällt durch die Fenster und die wenigen Besucher sind leise und andächtig in ihrem Gang. Obwohl auch diese Kirche Eintrittsgeld verlangt, wie so viele jetzt, ist der Preis in Ordnung (3 €) und was ich sehe, gefällt mir. Der Hauptaltar zeigt das Auge Gottes (auch: Auge der Vorsehung) und ich fühle mich wie in einem Illuminaten-Geheimbund. Die Säulen sind teilweise mit runenähnlichen Zeichen verziert und im Dachgebälk sehe ich Hexagramme (auch: Davidstern). Die Orgel ist wunderschön, frische Blumen verzieren den Raum. Hier gibt es viel zu sehen und zu entdecken. Als ich vor einer Tafel lese, wer von dieser Gemeinde wo im Krieg gefallen ist, vergesse ich doch tatsächlich kurz, wo ich mich befinde und fühle mich einen Moment lang wie in Paris, weil so viele französisch klingende Ort aufgelistet sind.

Als ich später wieder ins Sonnenlicht des Marktplatzes trete, erschlägt mich das Wirrwarr der Menschen fast, dabei ist es hier dörflich still im Vergleich zu Berlin. Ich verlasse den Markt und spaziere nur kurz durch die Einkaufsstraße, die kleinen Seitenwege sind viel hübscher (z. B. die Badstübergasse)! Hier stehen kleine alte Häuser in bunten Farben und geben interessante Blicke auf die vielen Kirchen der Stadt frei. In der Jacobikirche, die derzeit als Kulturkirche genutzt wird, entdecke ich wunderschöne inspirierende Bilder von Frank Hauptvogel. Ich bin fasziniert von den magischen starken Farben und Darstellungen der Figuren: Grotesk, märchenhaft, skurril und verzaubernd zugleich… und ich bin wahrlich niemand, der sich gern Ausstellungen anschaut oder sich in Galerien herumtreibt. Doch hier habt ihr mich erwischt, ihr Künstler, an einem Ort, an dem ich anderes erwartete.

In der dritten Kirche, die ich besuche, der St. Marien, ist alles wieder wie gewohnt, nur dass niemand Geld kassiert, damit ich eintreten darf. Am späten Nachmittag spaziere ich noch einmal an der Seepromenade entlang, es war einfach so schön hier. Im Restaurant am Wasser ein Fest, ich höre Musik, lachende Menschen und Geschirr klappern. Als ich näher komme, sehe ich, es ist das rundliche Brautpaar vom Marktplatz. Sie feiern das Leben.

Am Hafen ist es still heute Abend, keine Musiker oder Feiern. Als die Sonne sich wieder orange-gold färbt, setze ich mich in ein niedliches Restaurant neben meinem Hotel und genieße den Abend neben den Segelbooten. Später kehre ich in mein überhitztes Dachzimmer zurück und schaue nochmal auf das grässliche Parkhaus vor meinem Fenster, ehe ich erschöpft einschlafe. Mehr als 18.000 Schritte sind es dann doch noch geworden in dieser hübschen Hansestadt.

Sonntagmorgen bringt mich die Regionalbahn in knapp einer Stunde an mein nächstes Ziel: Hallo Rügen, hallo Binz, ich bin zurück.