Wohin zuerst?

Kennt ihr das, wenn euer Kopf überquillt vor neuen Ideen und Träumen und ihr nicht wisst, womit ihr anfangen sollt? Mir geht es gerade so. Ich habe seit ein paar Monaten eine neue Arbeitsstelle und mein ganzes Leben und mein gesamter Alltag haben sich dadurch verändert. Nebenbei, sofern man das so bezeichnen mag, sitze ich an der Abschlussarbeit zum Bachelor im Fach Psychologie und bereite mich gleichzeitig auf die amtsärztliche Prüfung zum Heilpraktiker beschränkt auf das Gebiet Psychotherapie vor. Ach, und einen Nebenjob habe ich auch noch, da arbeite ich aber derzeit ausschließlich online.

Man sollte meinen, das seien genug Projekte und doch sprudeln in meinem Kopf die Ideen weiter: Ich lese Bücher, um im Oktober ein paar neue Ecken in Paris zu entdecken, ich überlege, ob ich mich endlich mit dem Erlernen der Bluesharp befasse und dann lockt da noch die Ostsee oder ein paar Zeitschriften, die schon lange gelesen werden wollen. Ich möchte Zeit mit Freunden und Familie verbringen, Neues sehen und lernen und wollte ich nicht längst ein Buch schreiben? Sich etwas mehr mit Fotografie zu beschäftigen erscheint mir aber ebenso reizvoll.

Und wenn dann noch Zeit ist, beschäftige ich mich mit Themen wie Minimalismus, Gesundheit und gutem Essen. Dabei verschmähe ich auch ein gutes Glas Wein in der Abendsonne auf dem Balkon nicht.

Aber bei all den sprudelnden Ideen, Wünschen und Träumen gibt es nur ein kleines Problem: So viel passt nicht hinein in nur ein Leben! Inzwischen sitze ich vor endlos langen Listen so vielen Einfällen, dass ich sie niemals in einem Leben umsetzen kann. Ihr müsst müssen, ich liebe es, Listen zu schreiben. Sie machen meine Wünsche greifbar und was die Tinte auf Papier gebannt hat, muss ich nicht im Kopf behalten. So bleibt er frei für Neues. Aber das ist Segen und Fluch zugleich.

Denn, womit soll ich nur beginnen? Wo die Prioritäten setzen? Ich sitze an meine freien Tagen jetzt vor englischen Studien, aus denen ich meine Abschlussarbeit basteln soll, aber während ich darüber nachdenke, mit welcher ich beginnen soll, fällt mein Blick auf das Buch „Paris-Spaziergänge“ und scheint mir leise zuzuflüstern: „Schau hinein und träume dich in die Stadt der Liebe“. Darunter blitzen im nächsten Moment mehrere Bücher zur Vorbereitung auf die Heilpraktikerprüfung hervor und erinnern mich daran, dass bis Oktober noch einiges zu tun ist. Und wollte ich in einer Stunde nicht kurz zum Sport gehen?

So viele Ideen können auch lähmend sein, denn es kommt manchmal vor, dass ich nichts von dem tue, was ich mir vorgenommen habe, einfach weil ich nicht entscheiden kann, womit ich anfangen soll. Es ist nicht immer ganz leicht, da noch die Balance zwischen Arbeit und Vergnügen, Studium und Entspannung zu finden. Alles ist verwoben: Arbeit bereitet mir Freude und meine Freizeit ist nicht selten mit Lernen verbunden.

Manchmal befreie ich mich dann aus diesem Dilemma mit einer neuen Liste. Ich lasse alles liegen, nehme ein Heft und schreibe alles auf, was bis zu einem bestimmten Tag erledigt sein muss. Auf einer anderen Liste notiere ich, worauf ich darüber hinaus auch Lust habe. Manchmal wähle ich dann von jeder Liste eines oder zwei und lasse den Rest liegen. Es macht nichts, wenn ich nicht alles erledige oder auf manche Ideen nach ein paar Monaten keine Lust mehr habe. Das zu begreifen war kein leichter Lernprozess, aber es hat geholfen.

Inzwischen versuche ich, Ruhepausen in mein wild rasendes Leben einzubauen. Es gelingt mir immer besser. Ich habe sie „perfekte Tage“ genannt. An so einem Tag nehme ich mir Zeit nur für mich, trinke Kaffee auf dem Balkon und meditiere in der Morgensonne. Ich lese eine Zeitschrift oder schaue einen Film und gönne es mir bei einem Glas Wein dem Zwitschern der Vögel zu lauschen. Ich beantworte keine Mails, telefoniere nicht und rede mit niemandem. Vielleicht ist es Zeit, öfter innezuhalten, durchzuatmen und … eine Liste zu schreiben.