Ein etwas seltsamer Wellnesstag

Ein freies Wochenende! Ohne groß auf Reisen zu gehen, soll es heute zur Entspannung mal ein Wellnesstag in der Heimat Berlin sein. Selbst direkt um die Ecke, in Prenzlauer Berg gibt es alles, was ich suche.

Ich buche also eine Massage in einem Ayurveda Zentrum. Seit ein paar Jahren beschäftige ich mich Ayurveda, aber eine passende Massage hatte ich bisher noch nicht. Stattdessen kenne ich inzwischen meinen Typ, habe sogar mal eine teure Ernährungsberatung mitgemacht, mich von einem Ayurveda-Arzt behandeln lassen und gruselige Blutegel an meinen Handgelenken ertragen. Wieso hatte ich diesen Ort, der Massagen anbietet, bisher nie entdeckt?

Bevor ich die Massage wähle, gehe ich zu dem Zentrum, um mich beraten zu lassen. Leider ist geschlossen, aber an der Tür steht, dass gleich jemand zurück kommt. Gut, eine kleine Pause kann ja nicht schaden und ich trinke im Café gegenüber einen der leckersten Kakaogetränke seit Jahren. Still und idyllisch plätschert das Leben an diesem sonnigen Nachmittag durch die Straßen und ich fühle mich jetzt schon entspannt. Brauche ich diese teure Massage überhaupt? Nach einer Stunde stehe ich erneut vor dem Zentrum. Es ist immer noch geschlossen. Statt dies als schlechtes Zeichen zu werten, rufe ich von zu Hause aus an und buche, was mir auf der Webseite interessant erschien. Dabei erfahre ich, dass das Zentrum den ganzen Tag während eines Seminars geschlossen war. Offenbar hielt man es nicht für nötig, potentielle Kunden darüber zu informieren. Mein ungutes Gefühl steigt, aber ich vereinbare einen Termin.

Am Samstag schlafe ich aus und rede mir ein, meine Wohnung sei eine Pension und ich in Berlin auf Urlaub. So verhindere ich, mich um Wäsche und Abwasch zu kümmern oder doch noch mit dem Staubsauger den Küchenboden zu putzen. Stattdessen sitze ich entspannt bei einer Tasse frischem Kaffee im morgendlichen Sonnenschein auf dem Balkon. Zum Ayurveda Zentrum spaziere ich etwas früher, um mich etwas umzusehen. Mit einer Tasse Tee sitze ich dort im kleinen Garten im Hinterhof, Wasser plätschert leise über eine Buddhafigur. Sonnenstrahlen scheinen durch die Baumkronen und ich genieße den Mix aus Natur- und Stadtgeräuschen. Unglücklicherweise führt der Chef des Zentrums ein lautes, ungehaltenes Telefonat mit jemandem und seine wütende Stimme unterbricht meine Ruhe. Die freundliche Mitarbeiterin schließt Fenster und Türen, um seine Stimme einzusperren, aber aufgeregt läuft er mit dem Telefon von links nach rechts und ist auch nach Auflegen des Hörers nur schwer zu beruhigen. Und dann, berichtet er mir, dem Kunden, der Entspannung sucht, von seinem Telefonat. Ich höre mir seine Sorgen an und rede auf ihn ein, doch einen Tee zu trinken. Gleichzeitig frage ich mich, ob ich für solche spontanen Therapiegespräche endlich Geld verlangen sollte. Ein wenig Unzufriedenheit macht sich breit, denn immerhin bin ich selbst hier, um Anspannung loszuwerden und nicht, um die negativen Energien fremder Menschen aufzunehmen.

Zur Massage werde ich in einen warmen, gemütlichen Raum gebracht. Der Masseur, ebenjener Chef des Zentrums – oh nein, warum ein Mann? – erklärt mir dann, dass die Massage energetisierend sein soll, mit Öl massiert wird und vollkommen nackt durchgeführt wird. Nackt? Na toll, das sagt er jetzt? Kann ich noch gehen? So richtig wohl ist mir nicht. Er bleibt unbeeindruckt stehen und wartet, dass ich mich entkleide. Wenigstens zum Ausziehen wäre ja ein wenig Privatsphäre schön gewesen. Und dann liege ich splitterfasernackt auf dem Massagetisch und es fällt mir wirklich überaus schwer, mich zu entspannen. Das warme Öl auf der Haut ist angenehm, leider mag ich den Duft nicht. Die Massage ist ungewöhnlich. Man wird gezogen und verdreht, hier und dort gedrückt, dann wieder sanft massiert. Wenn ich nur nicht vollkommen unbedeckt wäre, könnte das sogar ganz nett sein und vielleicht beseitigt es in der Tat einige Verspannungen und Blockaden. Am Ende darf ich noch etwas ruhen, was aber nur bedingt angenehm ist, weil man in einem Teppich aus langsam erkaltendem Öl liegt. Dann gibt es noch einen Tee.

Als ich wieder auf die Straße in die Sonne hinaustrete fühle ich mich einerseits entspannt und frisch, andererseits bleibt der fade Nachgeschmack, dass die Massage zu intim und leicht grenzüberschreitend war. Ich denke, ich kann trotz des wunderschönen Gartens dort nicht noch einmal hingehen.

Zum Mittag setze ich mich in ein wunderschönes Restaurant mit Tibet- und Nepalküche. Die Küche passt zu meinem Ayurveda-Tag und versüßt mir den Rest des Tages, ach, des ganzen Wochenendes. Der Kellner ist nett und zuvorkommend, der Tee herrlich und das Essen ein Traum. Ich genieße traditionelle Teigtaschen Momos und die beiden Chutneys (eines mit Erdnuss und eines mit Koriander) dazu sind so unfassbar lecker, dass ich überlecke, die Schälchen auszuschlecken. Meine Erziehung hindert mich dann jedoch daran. Ich sitze an einem dunklen Holztisch auf bunten Sitzkissen und die Mittagssonne wärmt meinen Nacken, während ich ein paar Ideen in mein Notizbuch schreibe.

Später spaziere ich über einen Wochenmarkt, schaue mir Klangschalen, Schmuck, Süßwaren und Keramik an und kehre dann noch in einen Edelsteinladen ein, wo ich für kleines Geld einen wunderschönen Amethyst und Bergkristall erstehe. Ja, ich fühle mich entspannt und glücklich. Sogar die seltsame Massage hat wohl ihren Anteil daran. Abends zu Hause trinke ich Yogitee und genieße den schweren Duft von Patchouli-Räucherstäbchen während ich mir einen Film ansehe.

Es ist mir gelungen, aus einem ganz normalen freien Tag zu Hause einen Wellnesstag in Prenzlauer Berg zu machen. Wie schön, im einen Kiez immer wieder Neues zu entdecken. Vor allem das Restaurant werde ich nun sicher öfter besuchen. Zu Hause macht sich wohlige Ruhe breit und erst am Montag verwandelt sich meine Wohnungspension zurück in mein Zuhause.

Ein Kommentar für: Ein etwas seltsamer Wellnesstag

  • Heidi vom Lande, Bloggerin

    Oh, Lily. Das sind ja Erfahrungen 🙂 Kenne ich aus dem türkischen Hamam hier. Immer Männer, die einen federn und selbst nur ein Handtuch tragen. Kommt auch manchmal bei dem einen oder anderen türkischen Mann rüber, wenn du dann zufällig was in deiner Hand hast. Habe ich 2 x ausprobiert und dann gelassen. Ich kann dich gut verstehen. LG Heidi

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