Die Gelassenheit des Meeres

Ich unternehme eine ganze Menge in diesem wilden und aufregenden Leben: Gehe arbeiten, studiere, spiele in einer Band, lerne kleine Choreographien beim Tanz, treffe mich mit Freunden und Familie und suche nebenbei noch Zeit zum Kochen, Leben und ja, auch zum Fernsehen. Dennoch fühle ich mich im Großen und Ganzen nur selten gestresst. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, das könnt ihr in diesem Artikel lesen. Insgesamt fühle ich mich aber sehr wohl. Vielleicht liegt das daran, dass ich die meisten Sachen, die ich unternehme, wirklich gern tue. Das Leben ist abwechslungsreich und bunt, es gibt so viel darin zu entdecken und jedes Erlebnis hat seinen eigenen Reiz.

Und doch gibt es diese Momente, wo ich mich nach mehr innerer Ruhe und Gelassenheit sehne. Das Außen ist jeden Tag so voll großer und kleiner Wunder, die ich manchmal mit mehr Stille im Innen genießen möchte. Ich bin von Natur aus aber nicht still und ruhig, nein, ich bin laut, lasse mich gern begeistern, rege mich auch ebenso schnell auf und spüre den Puls des Lebens durch meinen Körper rasen.

Ich habe ja in einem anderen Blogartikel bereits von meinen positiven Erfahrungen mit Meditation berichtet. Das hilft mir wirklich sehr. Es beruhigt meinen aufgeregten Geist, lässt mir aber die wildsprühende Lebensfreude. Die brauche ich auch, um all das zu erleben, was mir wichtig ist.

Neulich habe ich nun mal diese noch recht neuen Meditationserfahrungen mit einer kleinen Reise ans Meer kombiniert. So fuhr ich also Ende Februar mit dem Zug an die Ostsee. Mein Weg führte mich erneut nach Swinemünde, der Hotelpreis war unschlagbar und ich hoffte auch leere Strände über die vermutlich ein eisiger Wind wehen würde, um mir die kalte Seite der Natur in schönster Pracht zu präsentieren.

Die Zugfahrt war überaus angenehm. Viele Plätze waren leer geblieben und die Regionalbahn zog ruhig durch die winterlich sonnige Landschaft. Es war still und entspannt, ich fühlte mich direkt etwas ruhiger, weil es (was selten in Zügen vorkommt) so leise um mich herum war. Als ich nach gut vier Stunden in Swinemünde ankam, war gerade Mittagszeit und mein Magen meldete sich sogleich. Der Wetterbericht hatte sich nicht so berauschend angehört, aber noch schien ein wenig die Sonne und tauchte die winterliche Landschaft in kühl-goldenes Licht. Also beschloss ich, doch erst ein wenig den Strand zu inspizieren und den aufkommenden Hunger noch ein wenig in Zaum zu halten.

Das Hotel lag überaus günstig, direkt an der Promenade mit kleinem Zugang zum Strand. Das Zimmer war schlicht, aber in Ordnung. In der Lobby saßen ein paar deutsche Rentner, die sich bereits mittags mit Rotwein vergnügten. Super, das war ein Leben nach meinem Geschmack.

Ich schnappte mir Schal und Handschuhe, packte mein mich stets begleitendes Schreibheft und ein bisschen Geld in die Jackentasche und setzte meine neu gekauften rosa (in mir steckt eben viel Mädchen) Kopfhörer auf, die ich ins Handy stöpselte. Dann machte ich mich auf den Weg und musste schnell feststellen, dass die Idee, nach Polen zu fahren auch Nachteile barg. Ich konnte nämlich nicht meine favorisierten Meditationen oder musikalischen Stücke von YouTube hören, weil ich am Strand nicht nur ein sehr schwankendes Netz vorfand, sondern auch unsinnig hohe Kosten durch das Roaming verursachte. Am Ende siegte doch mein Verlangen nach Musik und ich richtete mich eben auf zusätzliche Internetkosten ein. Wenigstens meine Amazon-Musik konnte ich ohne Störungen und Unterbrechungen anhören.

Als ich in meinen Winterschuhen den Sand betrat, stockte mein Schritt erst einmal ob der Massen an Menschen, die dort am Wasser entlangliefen. Nahezu jeder trug eine schwarze Jacke und so war der Blick zum Meer von einer dunklen Masse fast verwehrt. Ganz naiv hatte ich geglaubt, die schlechte Wettervorhersage und Jahreszeit würden den Strom an Rentnern minimieren und nur ein paar Einheimische würden sich ans Wasser verirren, aber weit gefehlt. Ich blieb also mit meinen Kopfhörern, die Hände tief in die Taschen versunken ein wenig weiter entfernt vom Wasser, um nicht alle zehn Meter entgegenkommenden Spaziergängern ausweichen zu müssen. Und dann schaltete ich die Musik ein, und die Welt war verschwunden! Ich höre noch leise das Rauschen des Meeres und das Kreischen der Möwen, die sich über jede Brot-spendende Großmutter freuten. Die Menschen konnte ich mit einem Mal ausblenden. Ich hörte die intensiven Klänge der Musik in meinen Ohren und eine Welle tiefer Glückseligkeit schlug über mir zusammen. Lag es an der Kombination von Meeresluft, Natur und dem Gefühl der Freiheit oder daran, dass ich dieses Mal keinen Rock’n‘Roll, sondern indischen Meditationsgesang von Craig Pruess & Anuradha Paudwal in meinen Kopf sandte? Ich kann es nicht genau sagen, aber diese Kombination hat sich für mich als unfassbar entspannend herausgestellt. Irgendwann blieb ich einfach am Strand stehen, sah den Wellen und Möwen zu, hörte ungewohnten Gesang und dachte an nichts!

Als Empfehlung kann ich zusätzlich noch erwähnen: Zieh dich unbedingt warm genug an. Nichts stört die innere Ruhe mehr als eisiger Wind im Nacken oder kalte Füße. Am Tag vor der Reise hatte ich mir daher bei Uniqlo besondere Thermowäsche gekauft, die wirklich jedes Frieren im Ostseewind verhindert haben.

Nach ein paar Stunden meldete sich mein Magen schon leicht genervt, um mich daran zu erinnern, dass er seit gefühlten Ewigkeiten keine Nahrung erhalten hatte. Spätestens an diesem Punkt schafft das Hungergefühl es regelmäßig, jegliche guten Vorsätze nach gesunder Nahrung aus meinem Kopf zu löschen und ich fand mich bald mit einer riesigen Portion Spaghetti und gutem Rotwein wieder. Aber ich fühlte mich großartig und tiefenentspannt.

Am frühen Abend begann es leicht zu regnen, aber es zog mich erneut an den Strand. Das Licht war blaugrau und tauchte den Strand in sanftes Licht. Vom kühlen Regen spürte ich unter meinen warmen Sachen zum Glück nichts und das sanfte Rauschen der Wellen schien meine Gehirnwellen in ebenso sanfte Schwingungen zu versetzen. Jetzt hörte ich Bachs Cello Suite No. 1 in G Major und ich kann ohne Untertreibung sagen: Ein Hochgenuss! Ich höre normalerweise keine Klassik, aber bei Cello mache ich eine Ausnahme. Ich wurde von süß-schwerer Melancholie ergriffen und kann deswegen diese Musik nur empfehlen, wenn es dir gut geht, sonst besteht die Gefahr salziger Tränen, die sich mit der Luft vermischen und dein Makeup versauen.

In meinem Fall aber konnte ich diese ungewohnte Schwermut wirklich genießen und mein Kopf wurde wieder frei von jeglichen Gedanken und Plänen. Dennoch hält mein Gehirn das nicht (oder noch nicht) allzu lange aus, es fühlt sich einfach unwohl, wenn es nicht denken, planen, grübeln und kreativ sein kann. Die neue Ruhe vom Strand nahm ich aber mit auf mein Hotelzimmer und gab meinem Kopf wieder ein bisschen was zu tun. Es freut sich immer über Worte, vor allem wenn ich sie handschriftlich zu Pap

ier bringe.

Neben Musik und Meer kann ich das Schreiben als weitere „meditative“ Methoden empfehlen, um innere Ruhe und Gelassenheit zu finden und dabei darf der Kopf sog

ar mitmachen und springt dann vor Freude auch gern mal kreativ herum, statt nur in sanften Schlaf zu sinken. Apropos Schlaf, obwohl ich an diesem Tag viel weniger Zeit mit Laufen am Strand verbracht hatte als normalerweise, wachte ich am nächsten Morgen wunderbar erholt und entspannt auf.

Es war noch früh am Morgen und nach dem Frühstück zog es mich erneut ans Wasser. Ich kann mich vom Anblick des Meeres immer nur schwer trennen und laufe auch nicht selten dreimal zurück, ehe ich zum Zug muss, der mich voll neuer Gelassenheit nach Hause bringt. Und schon einen Tag später hat mich das wilde, aufregende, sprühend pulsierende Leben wieder.