Das Glück meiner wundervollen Familie

In einem Roman, den ich gerade lese, schrieb die Autorin über den Tag, an dem ihr Vater starb. Ich kann solche Bücher nicht lesen, ohne dass mir regelmäßig die Tränen in die Augen schießen, wenn es um den Tod der Eltern oder eines Elternteils geht. Dabei ist das ein natürlicher Lauf der Dinge, im Normalfall gehen die Eltern vor dem Kind. Mir ist das bewusst und meine Eltern reden sogar sehr offen darüber, was sie sich nach ihrem Ableben wünschen oder wie ihre Angelegenheiten geregelt werden sollen. In meiner Familie gibt es keine Tabuthemen und ich bin sehr froh darüber. Das soll dem Sterben ein bisschen den Schrecken nehmen denke ich.

So offen oder intensiv, furchtlos oder vorsichtig ich mich aber auch mit dem Thema Tod beschäftigen mag, stelle ich fest, dass meine Angst vor dem Tag, an dem einer meiner Eltern gehen wird, schon jetzt wie eine riesige schwarze Wolke alles niederdrückt und mir das Herz zusammenschnürt.

Ich bin erwachsen und lebe ein selbstständiges und freies Leben, aber immer waren sie da, die beiden Menschen, die mich gemacht haben. Voll Stolz kann ich sogar sagen, sie standen tatsächlich immer mir und ließen mir gleichzeitig so viel Freiraum wie nötig war, damit ich wachsen und mich entfalten kann, aber mich nie verlassen fühle. Ich weiß nicht, wie es Euch ergangen ist in eurer Kindheit und Jugend, in eurem erwachsenen Leben und wie nah ihr euren Vätern und Müttern seid.

Ich für meinen Teil habe unfassbares Glück gehabt (und habe es noch), denn ich glaube, das letzte Mal, als ich meine Eltern „doof“ fand, ist fast 30 Jahre her. Ich war ein Teenager und schwer verliebt in eine Urlaubsliebe, die sich natürlich wochenlang nicht mehr meldete. Eines Tages stand er dann vor meiner Tür, mit seinem Motorrad und den grünen Augen. Ich war sofort wieder hin und weg und freute mich auf einen Ausflug. Bis meine Mutter mir einen Strich durch die Rechnung machte. Kein Jammern und Betteln half (das tat es nie, aber ich versuchte es dennoch), sie blieb eisern dabei, dass der junge Mann mich ja am Wochenende erneut besuchen könne, aber jetzt am Mittwoch ginge es eben nicht. Ich hatte noch nicht viel Ahnung von Jungs, aber ahnte schon damals, dass ich diesen Kerl nie wieder sehen würde (und so war es übrigens auch).

Mein Unverständnis und meine Wut waren riesig und auch jetzt nach so vielen Jahren erinnere ich mich an diese Begebenheit. Wie ich mich auch erinnere, dass meine Mutter mal meine Lieblingshose heimlich wegwarf, was ich ihr bis heute nicht verzeihe. Aber mal im Ernst, wenn das alles ist, was ich an „negativen“ Erlebnissen mit meinen Eltern auf die Liste setzen kann, geht’s mir schon echt gut mit den beiden, oder? Seitdem haben wir jedenfalls nie mehr Streit gehabt oder etwas anderes als Liebe füreinander empfunden.

Ich schreibe diesen Blog auch, weil ich nicht erst „danke“ sagen will, wenn sie mal nicht mehr da sind und es nicht mehr hören oder lesen können. Ich wünsche mir noch sehr, sehr viele Jahre mit diesen beiden Menschen, die mich immer unterstützen und fördern, mich bedingungslos lieben und mir immer offen ihre Meinung sagen. Ich liebe jedes Treffen mit ihnen, egal wo, besonders aber, wenn ich „nach Hause“ fahre (obwohl es inzwischen nicht mehr die Wohnung ist, in der ich aufgewachsen bin).

Kennst du das, wenn es einen Ort gibt, wo du einfach immer Kind sein kannst, egal wie alt du bist? Du darfst rumalbern oder zu viel Pudding naschen, du darfst nach dem Essen auch den obersten Knopf der Jeans öffnen, weil du so viel gefuttert hast, du darfst Zeuge typischer Familienstreitereien sein, die oft so lustig sind, weil sie sich seit 20 Jahren nicht verändert haben und du darfst über die Welt jammern und dir gleichzeitig einen Löffel Sahne in den Mund schieben. Hach, ich liebe es,  immer mal wieder Kind sein zu dürfen.

Ja, ich verbinde vor allem auch die gemeinsamen Essen mit dem Gefühl von Familie und Geborgenheit. Schon immer saßen wir am Wochenende zum Frühstück und Mittag zusammen und in der Woche so oft es ging zum Abendbrot. Wir redeten und lachten, ich fühlte mich geliebt und sicher und dazu gab es immer leckere Köstlichkeiten. Das konnte frisches Brot sein, von dem ich vorher schon die Kruste genascht hatte, wie der Rehrücken an Weihnachten, auf den ich dann wieder ein ganzes Jahr warten musste. Das ist heute noch so und nicht von ungefähr sagt man, Liebe gehe durch den Magen.

Ich fühle mich bei einem guten Essen mit Freunden immer sehr wohl und geborgen, aber am liebsten esse ich daheim bei Mama und Papa. Der Alltag lässt nicht mehr so viel Zeit für Besuche, wie ich es mir manchmal selbst wünsche und die Balance zwischen einem freien Leben als Erwachsene mit all den Dingen, die ich gern tue und der Rückkehr in die Kindheit an den elterlichen Tisch ist nicht immer ganz leicht zu bewältigen, aber es ist machbar.

Und seien wir doch ehrlich, so fit und wild unsere Eltern auch (noch) sein mögen, die Zeit vergeht und kein Leben dauert ewig, auch wenn eine kleine Stimme in meinem Kopf öfter sagt, das ginge bei meinen Eltern vielleicht doch, einfach weil ich noch lange nicht bereit bin, sie loszulassen. Meine halbwegs erwachsene Seite weiß aber eben doch, dass nichts ewig ist und so habe ich einfach beschlossen, jeden Moment, den ich mit den beiden habe, so intensiv und bewusst zu genießen, wie es geht. Es gibt Monate, in denen ich hier und da zu tun habe und manchmal glaube, ich könnte keine Zeit erübrigen, die beiden besuchen zu fahren, aber dann denke ich oft daran, wie sehr mir schon ein Roman die Tränen in die Augen treibt. Dann überlege ich, ob die eine oder andere Sache nicht noch warten kann. Solltest du auch so wunderbare Eltern haben, nutzt die Zeit zusammen!

Unternehmt was, schafft euch Erinnerungen, die später wie ein Taschentuch für die Tränen sein werden und feiert das Leben, die Geborgenheit und die Familie!

Und wenn du nicht so viel Glück hattest, gibt es zwei Möglichkeiten: Vergiss alles was war und schau, ob ihr euch neu annähern könnt, deine Eltern sind auch nur Menschen und nicht so perfekt, wie wir als Kinder gern glauben wollten. Oder: schaff dir eine eigene Familie, das kann ganz klassisch sein, indem ihr eben bessere Eltern werdet, als eure waren oder ganz „modern“, indem du dir Menschen suchst, die dir so nah und wichtig sind, wie deine Familie, für die du durchs Feuer gehen würdest oder auch mal einen verbrannten Braten mit einem Lächeln isst.

Ich bin voll Dankbarkeit dafür, dass sich zwei großartige Menschen in dieser Welt gefunden haben, die so unterschiedlich sind und sich dennoch lieben, dass sie Liebe geben können und Wärme, Schutz und Geborgenheit, Wissen und auch Reibungsfläche und dass ich sie meine Eltern nennen darf.